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300 Millionen Joints pro Jahr

2002/12/12 - Weltwoche

Die Schweiz ist einer der grössten Hanfproduzenten Europas. Das Geschäft floriert, die Margen sind enorm, Überschüsse werden bis nach Schweden exportiert. Alles illegal? Das weiss niemand mehr so genau. Sogar die Polizei giesst Plantagen. Ein Branchenreport.

Das grüne Gold: Ein Kilogramm Äpfel "Golden Delicious" bringt dem Bauer 1.04 Franken, ein Kilo Cannabis 1500 bis 3000 Franken.

Wo beginnt eine gute Kiffer-Story? Natürlich in Amsterdam. Zum Beispiel im "Free Amsterdam", einem Coffeeshop im Rotlichtviertel. Draussen ein regnerischer Novembertag, drinnen plätschert ein müder Bob-Marley-Remix aus den Boxen. An der Theke hängen ein paar Rastas herum und kiffen den Tag weg. Mit Cannabis namens "Edel Weiss" - direkt aus der Schweiz importiert, wie sie sagen.

"Hey, du kommst aus der Schweiz? Cool, dann hast du mir sicher ein paar Kilo Gras mitgebracht!", begrüsst mich Mark, Coffeeshop-Besitzer aus Dedemsvaart. Er liebe Schweizer Gras, das sei so unheimlich smooth. Auch sein Kumpel, Nol van Schaik, der in Haarlem drei Coffeeshops führt, gerät beim Anblick eines Schweizers ins Schwärmen: "Ich habe in den letzten Monaten mindestens sechs Kilo von eurem Hasch verkauft. Vom Feinsten!"

Die beiden Coffeeshop-Besitzer Mark und Nol sind nicht die Einzigen, die auf die Schweiz aufmerksam geworden sind: Auch in den letzten Ausgaben des holländischen Hochglanz-Cannabis-Magazins Highlife ist die Schweiz ein Thema. In einem Beitrag mit dem Titel "Cannabis in Zwitserland" schwärmt der Autor von den riesigen Anbauflächen. Sein Fazit: Das Land ist zu einem der wichtigsten Cannabisproduzenten Europas geworden.

"Für den Biobau prädestiniert"
700000 Schweizerinnen und Schweizer haben mindestens einmal im Leben gekifft. Das sind mehr Menschen, als der Schweizerische Fussballverband Mitglieder zählt. Gut ein Viertel der 15- bis 24-Jährigen rauchen zumindest gelegentlich Cannabis; 87000 Schweizer drehen täglich einen Joint, so das Resultat einer repräsentativen Umfrage der Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA). Das entspricht der Bevölkerung von St. Gallen.

Kürzlich hat die Hanfkoordination Kunden von Hanfläden - dem schweizerische Pendant zum holländischen Coffeeshop - zu ihrem Konsumverhalten befragt. Aus den Ergebnissen lässt sich das Profil eines durchschnittlichen Kunden erstellen: Er ist etwa 26 Jahre alt, gibt 100 Franken pro Einkauf aus und zündet sich täglich mehrmals einen Joint an. Demnach verraucht er jährlich fast ein halbes Kilo und bezahlt dafür mehr als 3000 Franken - mehr, als der durchschnittliche Schweizer für Milch und Brot ausgibt.

Diese Nachfrage will gedeckt sein. In Bern gibt es rund 50 Hanfläden, im Tessin etwa 60, in Basel gar über 70. In der Fussballhauptstadt hat es somit mehr Hanfshops als Migrosfilialen (57). In der ganzen Schweiz sind es, je nach Quelle, zwischen 350 und 400 - mehr, als die CS Niederlassungen hat (239). Pro Kopf hat unser Land somit gleich viele Hanflädeli wie das vermeintliche Kiffermekka Holland.

Die Hanfläden verkaufen hauptsächlich Schweizer Gras - von dem gibt es ja genügend: Diesen Sommer wurden gemäss Schätzungen des Bundesamts für Polizei etwa 200 bis 300 Hektaren mit Hanf bepflanzt, was der Fläche von 300 bis 500 Fussballfeldern entspricht. Der Tessiner Staatsanwalt und Cannabisjäger Antonio Perugini korrigiert nach oben: Allein im Tessin seien es 150 Hektaren. Die Angaben schwanken zwar erheblich, bewegen sich aber durch wegs auf hohem Niveau. Selbst wenn man von der vorsichtigsten Schätzung ausgeht, werden jährlich mehr als 200 Tonnen Cannabis produziert. Das reicht für 300 Millionen Joints.

"Sind Sie interessiert am Anbau von Hanf als Rohstoff für Joints?", fragte www.schweizerbauer.ch, ein Internetportal der Agrarwirtschaft. 221 Landwirte beteiligten sich an der Umfrage, 73 Prozent antworteten mit "Ja" - trotz der polemischen Fragestellung. Zwar muss das Ergebnis mit Vorsicht genossen werden, da Internetbefragungen nicht repräsentativ sind. Aber auch Thomas Schmid vom Schweizerischen Bauernverband bestätigt ein reges Interesse der Mitglieder am Produkt. Selbst ein florierender Hanfsektor könne jedoch niemals die Krise der Landwirtschaft beheben. Um die landesweite Cannabis-Nachfrage zu decken, braucht es laut Schmid lediglich etwa 1200 Betriebe (bei insgesamt 70000 Landwirtschaftsbetrieben). "Das entspricht in etwa der Grösse des Obstsektors - und der ist verhältnismässig klein."

Allerdings würde es den 1200 Hanfproduzenten erheblich besser gehen als den Obstbauern: Für ein Kilogramm Äpfel "Golden Delicious" erhält der Bauer 1.04 Franken, für ein Kilo Cannabis 1500 bis 3000 Franken. Diese Zahlen legen nahe, dass ein Landwirt, der auf Hanf umsteigt, keine Subventionen mehr braucht, sondern sich im freien Markt behaupten kann - womit er genau auf der Linie der neuen Agrarpolitik (AP 07) liegt, die unternehmerisches Wirtschaften fordert. Ein weiteres Argument für den Hanfanbau findet sich, etwas überraschend, im offiziellen Cannabisbericht der Eidgenössischen Kommission für Drogenfragen: "Die Cannabispflanze passt gut in unsere Breitengrade. Sie gilt als bodenschonend, kann in der Regel ohne chemischen Pflanzenschutz angebaut werden und ist somit geradezu prädestiniert für die Integrierte Produktion (IP) und den Bioanbau." Vom Bundesamt für Landwirtschaft wird ihr wirtschaftliches Potenzial allerdings vernachlässigt: Im eben erschienenen, knapp 300 Seiten starken Agrarbericht 2002 taucht das Wort "Cannabis" kein einziges Mal auf.

Swiss Quality
Der gute Ruf, den Schweizer Gras bei Haschkonsumenten im In- und Ausland geniesst, ist nun wissenschaftlich untermauert. Rudolf Brenneisen, Leiter der Abteilung für klinische Forschung an der Universität Bern, hat in einer Laboranalyse zehn Schweizer Cannabissorten auf deren THC-Gehalt untersucht, auf jenen Wirkstoff also, der weitgehend bestimmt, wie stark ein Joint "einfährt": "Noch in den achtziger Jahren war ein THC-Gehalt von fünf Prozent ausgezeichnet, heute weist das schwächste Gras mehr als acht Prozent, das beste sogar mehr als zwanzig Prozent THC auf." Der Pharmazeutikprofessor musste zwei Mal messen, bis er das Resultat glauben konnte. Auf ähnliche Ergebnisse kam kürzlich die Sendung "Kassensturz" bei einem Cannabis-Rating.

Holländische Hanffreunde geraten ins Schwärmen, wenn man von diesen Messungen erzählt. In den Niederlanden nämlich ist die Outdoor-Produktion, der Anbau im Freien, fast unmöglich (abgesehen davon, dass sie verboten ist). Der Sommer ist zu kurz, und es regnet zu oft. In der Schweiz hingegen, vor allem an den Südhängen im Tessin, gedeiht Cannabis hervorragend. Zudem verfügen unsere Bauern über das nötige Know-how: In vielen Familien wird jahrhundertealtes Wissen überliefert, wie man guten Cannabis züchtet, denn Hanf war in der Schweiz eine beliebte Kulturpflanze, bevor sie 1951 verboten wurde. "Hühneraugen? - Da hilft nur Haschisch!", so eine Werbung Anfang des 20. Jahrhunderts.

"Die Schweizer Bauern sind super", schwärmt Professor Brenneisen. "Sie wissen, wie man gutes Gras züchtet, und haben in den letzten Jahren noch dazugelernt." Standortvorteil, jahrzehntelange Erfahrung und hoch spezialisiertes Know-how: Dank diesen Merkmalen sind die Schweizer Bauern im internationalen Hanfmarkt konkurrenzfähig. Im Balkan (Albanien, Kroatien) wird zwar auf ähnlich grossen Feldern angepflanzt, aber die Qualität hält einem Vergleich mit Schweizer Gras in keiner Weise stand. Das weiss jeder Kiffer, der schon einmal albanisches Gras rauchen musste, zum Beispiel während der Ferien in Italien, wohin die Ware hauptsächlich exportiert wird. Swiss Quality hingegen ist überall willkommen: Auch auf den Britischen Inseln, in Schweden oder Frankreich raucht und schätzt man Schweizer Gras.

Vorbei mit der Hippieromantik
Besuch bei der Schweizer Hanfkoordination (SHK) in Bern. Der Präsident François Reusser erklärt, dass er die Branche nach Vorbild des Bäcker-, Metzger- oder Schreinerverbands organisieren möchte. Der höchste Kiffer des Landes steht vor einer Schweizer Landkarte, die übersät ist mit schwarzen Nadeln: "Jede Nadel steht für einen Betrieb, der etwas mit Hanf zu tun hat, sei es beim Anbau, in der Verarbeitung oder im Verkauf." Auch im hintersten Weiler (Castasegna, Leukerbad) steckt eine Nadel. "Der Hanf", sagt der SHK-Präsident stolz, "hat die Schweiz erobert."

Eine Aussage, die nicht zu Unrecht erfolgt, denn das Cannabisgeschäft ist zu einem Wirtschaftsfaktor geworden: Der Umsatz der gesamten Branche liegt heute bei rund einer Milliarde Franken - "konservativ geschätzt", wie das Bundesamt für Polizei schreibt. Staatsanwalt Antonio Perugini hält diese Angaben für zu tief: "Ich gehe davon aus, dass allein mit Cannabis aus dem Tessin jährlich anderthalb Milliarden Franken umgesetzt werden."

Auch die Büroräumlichkeiten der Hanfkoordination - an offiziöser Lage zwischen dem Dachverband der Luftfahrt und verschiedenen Bundesämtern an der Monbijoustrasse - legen den Schluss nahe: Kiffen hat heute nicht mehr viel mit Hippieromantik zu tun.

Die erfolgreichsten Mitglieder der SHK sind die Hanfladenbesitzer, welche die Rolle des guten alten Haschischdealers übernommen haben. Der Bauer verkauft ihnen das gerüstete Gras (d.h. ohne Samen und Blätter) zu einem Grammpreis von 1.50 bis 3 Franken. Dann verdreifachen sie den Preis: Im Shop kostet ein Gramm zwischen 4 und 9 Franken. Für so genanntes Indoor-Gras werden gar bis zu 15 Franken pro Gramm verlangt. Dieses ist so teuer, weil die Produktion aufwendiger ist: Eine Halle muss gemietet werden, und die starken Lampen, welche die Sonne ersetzen, sind Stromfresser. Das lohnt sich nur, weil das Resultat bei den Kunden beliebt ist: Indoor fährt mehr ein als outdoor.

Qualitativ hoch stehendes Gras ist somit gleich teuer wie Gold (Kilopreis: 15000 Franken). Ein erfolgreicher Hanfladenbetreiber erzielt eine Million Franken Gewinn pro Jahr und mehr (einen guten Teil davon mit Exporten). Da ist es nicht weiter erstaunlich, dass der Besitzer eines Hanfshops in Zürich einen Lamborghini fährt oder dass kriminelle Banden in den Markt drängen: In Basel kam es diesen Sommer im Hanfladenmilieu zu verschiedenen Schutzgelderpressungen und zu einer Entführung. Ein 27-jähriger Deutscher wurde dabei im Kofferraum eines Autos verschleppt und anschliessend misshandelt. Ein Basler Staatsanwalt warnte in der Folge vor kolumbianischen Verhältnissen in der Stadt.

"Eine Schweinerei sind die Cannabispreise", schimpft François Reusser von der Hanfkoordination. In der Tat sind die Margen beim Hanf etwa gleich hoch wie bei Luxusgütern: 60 Prozent. Doch im Unterschied zum Hugo-Boss-Hemd, das in der Herstellung 40 Dollar kostet und für 100 Dollar über den Ladentisch geht, ist Cannabis kein Luxusgut, sondern Massenware. Die Billig-Kleiderkette H&M beispielsweise kalkuliert Margen von weniger als 10 Prozent. "Ein Gramm Schweizer Outdoor-Gras", rechnet Reusser vor, "dürfte demnach nicht mehr als drei Franken kosten."

Im Gesetzesdschungel wuchert der Hanf
Wie kommt es, dass aus einem halbseidenen Kleingewerbe ein richtiger Wirtschaftszweig geworden ist? Warum hat die Schweiz die gleich hohe Hanfshopdichte wie Holland? Wieso gehört unser Land zu den G-7 der Cannabisproduktion? Die grosse Nachfrage und die guten landwirtschaftlichen Voraussetzungen sind das eine; die verworrene Rechtslage respektive die bisweilen chaotischen Zustände beim Vollzug das andere. Bekanntlich ist das Betäubungsmittelgesetz (BetmG), das den Anbau, Konsum und Verkauf von Cannabis regelt, in Revision. Doch viele Kantone antizipieren die geplante Liberalisierung und nehmen schon heute eine legere Haltung ein. Ausserdem: Das alte Gesetz ist nicht eindeutig. Beispiel: Als der holländische Hanfsamenhersteller Luc Krol letztes Jahr seine Produktion nach Baselland verlegte, erhielt er von einem Anwalt die Auskunft, dass die Samenproduktion in der Schweiz erlaubt sei. Nach kurzer Zeit jedoch wurde er verhaftet und ausgewiesen. Die Ironie der Geschichte: In den sechs Monaten bis zu Krols Prozess bewässerte die Polizei seine Plantage aus Angst vor einer Schadenersatzklage. Nicht einmal die Behörden wussten, ob er etwas Illegales tat. Auch der Ausgang der Geschichte ist befremdlich: Die Plantage wurde vernichtet, die Klage gegen den Holländer aber fallen gelassen.

Derzeit geht jeder Kanton seinen eigenen Weg in der Cannabispolitik, gestützt auf das antiquierte Gesetz von 1951. Zusätzliche Verwirrung stiftet, dass die Kantone oft die Linie ändern. Die Basler Hanfladenbesitzerin Franziska Ehrsam klagt: «In zwei Jahren wurde mein Laden kein einziges Mal von der Polizei kontrolliert. Jetzt gab es aber innerhalb von drei Wochen vier Razzien.» Und selbst innerhalb eines Kantons gelten unterschiedliche Richtlinien. Beispiel Bern: Bis vor kurzem wurde eine tolerante Politik verfolgt, die Hanfläden florierten im ganzen Kanton. Dann trat in der Stadt Bern der grüne (!) Regierungsstatthalter Alec von Graffenried auf den Plan. Er liess systematisch Razzien durchführen und leitete gegen mehrere Hanfläden Schliessungsverfahren ein. Er sei durchaus für eine Cannabisliberalisierung, liess der ehemalige Kiffer die Zeitschrift Facts wissen. Jedoch wolle er den Verkauf von Gras an Jugendliche unter 18 Jahren verhindern, den Drogentourismus eindämmen und die organisierte Kriminalität unterbinden. In Thun, Interlaken und Biel hingegen blieben die Hanf-shops unbehelligt. Schliesslich schritt das Verwaltungsgericht ein: Von Graffenried habe seine Kompetenzen überschritten.

"Ihr habt nicht 23 Kantone; ihr habt 23 unabhängige Staaten", wundert sich Hanf-Unternehmer Krol über den Betäubungsmittel-Kantönligeist. "Bei meiner Verhaftung sagte ein Polizist: «Hätten Sie 200 Meter weiter westlich angepflanzt, in Basel-Stadt statt in Baselland, dann wären Sie nicht verfolgt worden." Doch ein anderer Kanton hätte noch besser zu Krol gepasst: das Tessin. Dort wurde die verworrene Rechtslage am konsequentesten ausgenutzt.

Tessin - das Kifferparadies
Anfang der neunziger Jahre gab es wenige Dinge, die mehr Pausenplatzprestige verliehen, als mit einem Plastiksäcklein Amsterdam-Gras vom Interrail-Trip zurückzukehren. Das war sogar besser, als die Schulhaus-Schönheit zu küssen. Ähnliches könnte dereinst für Jugendliche aus Italien gelten, die ins Tessin trampen. Jahrelang wurden im Tessin beide Augen zugedrückt, wenn es um «il canapa», den Hanf, ging. Staatsanwalt Antonio Perugini glaubt, dass in seinem Kanton der Ertrag aus dem Hanfsektor höher ist als derjenige aus der gesamten übrigen Agrarproduktion - eine unglaublich anmutende Aussage. Auch bei der Hanfkoordination war man lange Zeit der Meinung, Perugini dramatisiere, um härtere Massnahmen gegen die Kifferszene rechtfertigen zu können. Kürzlich jedoch hat der Verband einen Betriebsausflug in die Südschweiz gemacht. Den Cannabisfreunden fielen die roten Augen fast aus dem Kopf. Präsident Reusser: "Unglaublich, was für Felder da stehen. Die Tessiner übertreiben masslos."

Nicht nur für den gebeutelten Agrarsektor, auch für den krisengeplagten Tessiner Tourismus ist Cannabis eine Verheissung. So will die Associazione Canapa, eine lokale Hanforganisation, Qualitätsgras zum Wahrzeichen Luganos machen. Die Stadt soll die "capitale europea della canapa di qualità" werden, die Stadt mit dem besten Gras in Europa. Auch von einem "Grand Cru" des Cannabis ist die Rede. Die Idee kommt nicht von ungefähr: Das potenteste Cannabis, das Professor Rudolf Brenneisen in seiner Karriere jemals untersucht hat, stammt aus der Gegend von Ascona (24,5% THC).

Auch die Statistiken zum Haschtourismus bestätigen, dass die Associazione Canapa mit ihrem Slogan nicht so falsch liegt: "Die Grenzwachtkorps stellten im Jahr 2001 eine drastische Zunahme von Drogenkonsumenten fest, die aus dem grenznahen Ausland in die Schweiz eingereist sind und sich hier mit Betäubungsmitteln versorgt haben", schreibt das Bundesamt für Polizei in einer Stellungnahme. Konkret hätten die Zollbehörden im vergangenen Jahr mehr als 90 Kilogramm Marihuana sichergestellt - "dreimal so viel wie im Vorjahr". Der Kunde ist König: Bereits in Sichtnähe des Zolls steht der erste Hanfladen. Insgesamt sollen im Tessiner Hanfsektor rund 350 Leute tätig sein, schätzt die Associazione Canapa. In einer Diskussionssendung des Tessiner Fernsehens wurde gar von 500 Arbeitsplätzen gesprochen. Etwa gleich viele, wie bei Swiss Dairy Food oder der Zürich Versicherung in den letzten Monaten gestrichen worden sind.

Am Beispiel Tessin lässt sich nicht nur zeigen, wie hanffreundlich die bestehenden Gesetzesparagrafen ausgelegt werden können, sondern auch, wann es zu viel wird: Die Bauern, die legal ihre Tomaten anpflanzen, fühlen sich betrogen, wenn sie ihrem Hanf anbauenden Nachbarn ins Portemonnaie schauen. In Lugano mehren sich die Klagen der Bevölkerung über bekiffte Haschtouristen, die die Seepromenade verdrecken und in den Strassen herumgrölen. Wie in Basel scheinen auch im Tessin kriminelle Banden ins Geschäft zu drängen: Letzten November wurde ein Hanfbetrieb in der Magadino-Ebene überfallen. Acht mit Knüppeln bewaffnete Männer fesselten die Angestellten und raubten 300 Kilogramm Ernte.

"Criminalize it?"
"Hart gegen Hanf" (Basler Zeitung), "Wer regelmässig kifft, schadet seiner Seele" (Tages-Anzeiger), "Hanf-Probleme" (Bund), "Im Kifferparadies Schweiz dreht der Wind" (Sonntagszeitung), zudem Berichte in der WoZ und im Schweizer Fernsehen: Die Medien scheinen diesen Herbst das Thema Kiffen neu entdeckt zu haben. Auch von Seiten der Politik sind vermehrt harte Töne zu vernehmen: Das Tessin will nicht bis zur nationalen Gesetzesrevision warten. Der Grosse Rat hat im Juni ein eigenes Übergangsgesetz verabschiedet, das noch härter ist als die Bestimmungen von 1951. Das Ziel: Nächstes Jahr soll im ganzen Kanton keine einzige rauchbare Cannabisblüte spriessen und kein Gramm Gras verkauft werden. Auch in Basel häufen sich Razzien, Strafverfolgungen und Konfiszierungen; am vorletzten Wochenende kam es deswegen mitten im Weihnachtsverkauf zu einer Demonstration von 300 Kifferinnen und Kiffern. Zum Popularitätstief der Branche beigetragen haben auch einige - zum Teil umstrittene - Studien, die sich kritisch mit den Folgen des Cannabiskonsums auseinander setzen (siehe Kasten).

Wird das Rad also zurückgedreht, der Liberalisierungsschub rückgängig gemacht, noch bevor die laxeren Bestimmungen überhaupt in Kraft getreten sind? So weit ist es noch lange nicht. Das neue Tessiner Betäubungsmittelgesetz wird momentan vom Bundesgericht auf seine Verfassungskonformität überprüft - eventuell wird es also gar nie in Kraft treten, und wenn, dann bloss für zwei Jahre, was einer kosmetischen Massnahme gleichkommt. Zudem führen Repressionen, wie sie derzeit in Bern und Basel zu beobachten sind, wohl lediglich zu einer Redimensionierung des überhitzten Marktes - mehr nicht. Selbst Mitglieder des Kifferverbandes SHK befürworten dies: "Es gibt im Moment zu viele Shops - das ist unbestritten", findet Hanfladenbesitzerin Ehrsam. Es gebe viele unseriöse Betreiber, "die in den Markt drängen und auch an Minderjährige verkaufen. Das führt zu einem Imageverlust, unter dem wir alle leiden."

Kommt hinzu, dass die Behörden nicht zum ersten Mal hart durchgreifen. Meist jedoch sind diese Anti-Kiffer-Phasen von kurzer Dauer. Beispiel Zürich: Es ist keine drei Jahre her, dass ein Beamter der Betäubungsmittelpolizei der Jugendzeitschrift Toaster verriet: "Wir führen eine Liste mit all diesen Haschischläden. Doch abgesehen von vereinzelten Razzien unternehmen wir eigentlich nichts - uns fehlen schlicht die Leute." Vor einem halben Jahr wurden dennoch sämtliche Hanfläden geschlossen. Heute wiederum gebe es in Zürich mehr Verkaufsstellen denn je, sagt François Reusser. Allerdings sind diese als CD-Geschäfte oder Esoteriklädeli getarnt. Und der neuste Trick: Cannabis vom Sexshop an der Langstrasse.

Das restriktivere Klima in der Schweiz ist mit der Situation in Holland vergleichbar. Jahrelang wucherten dort die Coffeeshops, bis es zu viele wurden. Da die Grenzstädte zunehmend unter dem Kiffer-Tourismus litten, kam es zu massiven Schliessungen: Gab es 1995 1450 Coffeeshops, sind es heute noch deren 805. Doch auch in den Niederlanden hält sich die Empörung darüber in Grenzen: "Cannabis soll an erwachsene Bürger verkauft werden", sagt Nol van Schaik, "und dazu reichen ein paar Läden pro Stadt."

Eine Wachstumsbranche
Letzten Dezember hat der Ständerat die Revision des Betäubungsmittelgesetzes gutgeheissen. Voraussichtlich nächsten Frühling wird der Nationalrat folgen, dann kommt die Vorlage via Referendum vors Volk (siehe Kasten Seite 37). Reusser nennt das Referendum "einen Spaziergang", obwohl liberalisierungskritische Stimmen in letzter Zeit zugenommen haben. Die letzte Repräsentativumfrage wurde im Jahr 2000 von der eher konservativen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) durchgeführt und ergab, dass eine Mehrheit der Schweizer die Legalisierung des Cannabiskonsums befürwortet.

Im Gegensatz zu Holland, wo der Konsum legal ist, der Verkauf toleriert, der gewerbliche Anbau aber verfolgt wird, soll das neue Schweizer Gesetz den ganzen Prozess regeln, vom Steckling bis zum fertigen Joint. Wer sich an die Regeln hält (zum Beispiel kein Verkauf an Minderjährige und an Ausländer), wird nicht bestraft. Die Bauern und Hanfladenbesitzer werden also keine Razzien mehr befürchten müssen. Für den Konsumenten hingegen bleibt vieles beim Alten. Nicht einmal die Preise werden markant fallen, da der Bund in irgendeiner Form Abgaben auf Cannabis erheben will.

Die Legalisierung sei ein «historischer Fehler», polterte die Uno in einem Anfang Jahr veröffentlichten Bericht, schliesslich sei Cannabis eine Droge. Auch wenn es der Weltorganisation nicht gefällt: Die Schweiz wird mit ihrem Modell Schule machen. Diese Meinung vertreten unisono Vertreter des Bundesamts für Gesundheit, François Reusser von der Hanfkoordination und Thomas Schmid vom Bauernverband. In Europa ist ein Legalisierungstrend auszumachen: Nebst Holland tolerieren bereits Italien, Spanien und Dänemark den Konsum, in England ist kürzlich der erste Coffeeshop aufgegangen. Auf der ganzen Welt wird gekifft, allein in Europa haben 45 Millionen Menschen mindestens einmal einen Joint geraucht. Und: In vielen Ländern übersteigt die Nachfrage das Angebot. Sollte der internationale Cannabishandel dereinst liberalisiert werden, eröffnet sich der serbelnden Schweizer Exportindustrie ein neuer Markt - und ein viel zitierter Wirtschaftsbegriff erhielte endlich seine wahre Bedeutung: Joint Venture.

Artikel modifiziert Freitag 24. Oktober 2003 13:09, Erscheinungsdatum Donnerstag 12. Dezember 2002 00:00

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