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"Für Europa ein enormer Rückschlag"

2004/06/15 - Der Bund

"Bund":Günther Amendt, Sie haben im Bundeshaus verfolgt, wie die Schweiz einen drogenpolitisch Aufsehen erregenden Schritt nicht getan hat. Ihr Kommentar als Sozialwissenschaftler, der sich seit über 30 Jahren mit der Suchtproblematik von Jugendlichen befasst?

Günther Amendt:Für die zahlreichen Fachleute in der Schweiz, die sich in den letzten Jahrzehnten für eine fortschrittliche Drogenpolitik eingesetzt haben, ist das ein enormer Rückschlag. Es ist aber auch ein Rückschlag für ganz Europa, weil die Schweiz in der Drogenpolitik eine unbestrittene Avantgardeposition eingenommen hatte.

Es wurde im Rat argumentiert, dass von der Freigabe respektive dem Verbot von Cannabis eine Signalwirkung ausgehe. Stimmt das?

Diese Anmassung macht mich fassungslos. Jugendliche, die regelmässig kiffen, scheren sich keinen Dreck um die Signale, die die politische Klasse aussendet. Es fällt mir schwer, Politiker zu verstehen, die am gleichen Tag für die Freigabe von Absinth stimmen, um gleichzeitig den weit verbreiteten Konsum einer Droge vollständig zu ignorieren. So etwas ist für das Rechtsverständnis von Jugendliche unerträglich.

In der Schweiz hat der Cannabis in den letzten Jahren einen Boom erlebt. Wie erklären Sie sich das?

In ganz Europa kann man die Tendenz beobachten, dass Jugendliche ein, zwei Jahre früher das Konsumverhalten der Erwachsenen übernehmen. Man muss das vor dem Hintergrund der früheren Geschlechtsreife und Erwachsenwerdens sehen. Und in diesem Kontext ist auch der frühere Einstieg in den Cannabiskonsum zu interpretieren.

Was halten Sie davon?

Es ist überhaupt nicht wünschenswert, wenn Jugendliche, die am Anfang der Pubertät stehen, mit Rauschdrogen konfrontiert werden. Nur: Mit Verboten erreicht man genau das Gegenteil. Es ist eine uralte Erkenntnis, die aber auch heute noch gilt: Wenn Jugendliche die Chance kriegen, ein Verbot zu überschreiten, dann machen sie das auch. Die Konsequenz: Betroffene Eltern und Lehrer werden es noch schwerer haben. Nur wer offen und ohne Doppelmoral an Jugendliche herangeht, hat überhaupt eine Chance, dass diese ihm zuhören.

Interview: Christian Pauli
Erscheinungsdatum Dienstag 15. Juni 2004 18:12

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