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Gesundheitsministerium bestellt unseriöses Gutachten

Forschungsskandal bei Cannabis

Empörung bei Wissenschaftlern

Das Bundesgesundheitsministerium hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, das den aktuellen Forschungsstand bei Cannabis zusammenfassen soll. Ausgerechnet Professor Thomasius vom Universitätsklinikum Eppendorf hat diesen Auftrag ohne Ausschreibung erhalten. Thomasius ist zwar ein anerkannter und erfahrener Drogentherapeut, seine wissenschaftliche Qualifikation ist aber nach einhelliger Meinung fast aller Experten nicht ansatzweise gegeben.

Dazu Professor Quensel:

"Schon die von Thomasius herausgegebene und betreute Ecstasy-Studie wies vor allem in dem von ihm betreuten Teilgebiet erhebliche methodische Mängel auf. Eigene Forschungsarbeiten auf dem Cannabis-Gebiet liegen zumindest in publizierter Form nicht vor. Es existiert lediglich ein Übersichtsartikel in der Zeitschrift Blutalkohol, den Thomasius mit mehreren anderen Autoren zusammen verfasst hat. Es fällt auf, dass er mehrfach höchst überzogene und kaum zutreffende Aussagen zum Cannabis abgibt, bei denen er seine Praxiserfahrungen in einer wissenschaftlich unmöglichen Weise verallgemeinert. Im Vergleich zu den Verfassern der bisherigen Expertisen im In- und vor allem im Ausland (zuletzt: Ministry of Public Health of Belgium:Cannabis Report August 2002) wirkt Thomasius kaum als besonders qualifiziert."

Professor Böllinger:

"Mit den Cannabisstudien von Kleiber/Kovar und anderen Arbeiten, z.B. von Kleiber/Söllner liegen hervorragende Studien vor. Grundsätzlichen Bedarf für neuere Untersuchungen des Forschungsstandes sehe ich nicht. Lediglich eine Aktualisierung in Bezug auf jüngere Forschungsberichte wären sinnvoll. Dafür gäbe es neben Professor Kleiber noch eine Vielzahl anderer Wissenschaftler, die dafür wesentlich geeigneter wären als Thomasius."

Dr. med. Franjo Grotenhermen:

"Professor Thomasius wirbt durch eine Skandalisierung der Thematik auch erfolgreich um Geldmittel. Wie sich erneut bewahrheitet, stellt die mediale Dramatisierung in der heutigen Zeit durchaus ein Erfolgsmodell dar. Das ändert aber nichts daran, dass Professor Thomasius aus wissenschaftlicher Sicht regelmäßig vor allem seine Inkompetenz demonstriert. Ich bin wenig überrascht, dass die Politik, bei der Klappern ebenfalls zum Geschäft gehört, so prompt darauf hereinfällt. Bestürzend ist es dennoch. Ich hätte mir von der Politik mehr Sorgfalt bei der Vergabe von Forschungsgeldern erhofft."

Georg Wurth, Deutscher Hanf Verband:

"Der Verdacht liegt nahe, dass die bisherige Forschung in den Augen der Gesundheitsministerin zu ausgewogen war. Die Ergebnisse passen nicht zur dramatisierenden Rhetorik der Bundesregierung. Das Gesundheitsministerium hat die Kleiber/Kovar- Studie selbst in Auftrag gegeben, dann aber tief in der Schublade versenkt. Jetzt will die Ministerin anscheinend sicher gehen, dass Cannabis in möglichst negatives Licht gerückt wird. Dafür steht Thomasius."

Professor Thomasius ist in den letzten Jahren zum medizinischen Vertreter der Hysterisierung in der Drogendebatte aufgestiegen. Es gibt kaum einen Artikel, der sich dramatisierend mit Cannabis auseinandersetzt, in dem er nicht vorkommt. Als Leiter einer psychiatrischen Anstalt für drogenkonsumierende Jugendliche ist es kein Wunder, dass sein Blick auf das schwierigste Klientel verengt ist und das Gros` der unproblematischen Cannabiskonsumenten für ihn höchstens eine sehr abstrakte Angelegenheit bleibt. Thomasius selbst betont immer wieder seinen voreingenommenen Standpunkt, siehe z.B.:

Z.b.:

Welt am Sonntag, 28.8.2005 http://www.wams.de/data/2005/08/28/... Haschpillen gegen Migräne Forscher entdecken gute Seiten an Cannabis ... Psychiatrieprofessor Rainer Thomasius, Leiter der Drogenambulanz am Hamburger Universitätsklinikum, sorgt sich, daß durch positive Meldungen über Cannabis und andere Rauschmittel diese erst richtig hoffähig gemacht, ihre gefährlichen Wirkungen weiter bagatellisiert werden könnten.

Vor diesem Hintergrund ist klar, dass sich Thomasius den aktuellen internationalen Forschungsergebnissen nicht mit der gebotenen wissenschaftlichen Neutralität nähern wird.

Gerade vor diesem Hintergrund wertet der Deutsche Hanf Verband die Vergabe als skandalös. Es hat für den Forschungsauftrag keine Ausschreibung gegeben, Thomasius bekam direkt den Zuschlag. Es gibt über die Vergabe keinerlei öffentliche Informationen. Erst Gerüchte und konkrete Nachfrage des DHV im Gesundheitsministerium brachten den Vorgang ans Licht. Über die Kosten, die diese Studie verursachen wird, gibt das Ministerium keine Auskunft.

Georg Wurth, Deutscher Hanf Verband: "Ich fordere den Bundesrechnungshof auf, sich mit der Auftragsvergabe an Professor Thomasius zu befassen. Hier wurde ohne Ausschreibung ein Forschungsauftrag an einen wenig neutralen, unerfahrenen und unqualifizierten Praktiker vergeben. Damit ist die Vergabe nicht nur inhaltlich, sondern auch haushaltsrechtlich höchst fragwürdig."

Der Auftrag wurde noch vor der Bundestagswahl vergeben. Allerdings distanziert sich die grüne Bundestagsfraktion von dem Vorgang: "Die grüne Bundestagsfraktion wurde von Seiten des BMGS nicht an der Vergabe der Expertise an Prof. Thomasius beteiligt. Hierzu ist die Exekutive auch nicht verpflichtet. Dem Gesundheitsministerium war jedoch bekannt, dass die grüne Bundestagsfraktion die Vergabe dieser Expertise an Prof. Thomasius kritisch beurteilt. Inhaltlich ist uns weiterhin nicht nachvollziehbar, warum eine derartige Studie überhaupt (losgelöst von der Person des Antragstellers) notwendig sein sollte, da der aktuelle Wissensstand dokumentiert ist." Biggi Bender, MdB

Es handelt sich also um einen nicht nachvollziehbaren Alleingang des Gesundheitsministeriums bzw. der ehemaligen Bundesdrogenbeauftragten Marion Caspers-Merk.

Erscheinungsdatum Mittwoch 30. November 2005 02:06

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