Hanf: Anbau- und Kulturbedingungen

Allgemeines und Botanik
Hanf gehört zur Familie der Cannabaceae (Hanfgewächse). Er liefert eine wertvolle, lange Faser, welche eine besonders hohe Nässetoleranz besitzt. Im europäischen Anbau ist in erster Linie die Fasererzeugung von Bedeutung, es werden aber auch die Samen vom Hanf für die Ölgewinnung verwendet. Mit einem Fettgehalt von etwa 30 bis 35% liefern sie ein linol- und linolensäurereiches Öl, das in erster Linie zur Erzeugung von Seifen und Farben benutzt wird. Die Verwendung als Speiseöl ist durch die kurze Haltbarkeit dieses Öls etwas begrenzt, wobei der Preis meist zwischen dem von Oliven- und dem von Sesamöl liegt.

Die Erzeugung von Haschisch - ein Harz, das vorwiegend in den Tragblättern der weiblichen Blüten ausgeschieden wird - ist in Indien bereits 1000 v. Chr. bekannt gewesen. Im europäischen Raum war ausschliesslich die Erzeugung von Fasern bzw. Samen üblich. Erst im 18. Jh. wurde die Verwendungsmöglichkeit der weiblichen Blüten als Droge auch in Europa bekannt. Die heutigen Zuchtsorten für die Fasergewinnung sind aber fast frei von Cannabisharz.

Bei Hanf handelt es sich um eine einjährige Pflanze; ein Hanfbestand setzt sich aus Pflanzen mit weiblichen und männlichen Blüten zusammen. In der neueren Züchtung versucht man, die männliche und weibliche Blüte auf eine Pflanze zu vereinen. Die Pflanze hat einen aufrechten Stängel, der je nach Sorte, 1 bis 4 m hoch werden kann und rau behaart ist. Die Pflanze verzweigt sich mehr oder weniger stark in Abhängigkeit von der Kulturführung und den Nutzungsverhältnissen. Der wertvolle Teil der Pflanze liegt im langen Stängel, es ist der "Bastteil", welcher die Faserbündel enthält.

Die Gattung Cannabis umfasst nur eine Art; verschiedene Wildformen von Hanf sind weltweit verbreitet, was auf die starke ökologische Anpassungsfähigkeit dieser Art hinweist. Über Zentralasien - wahrscheinlich 2000 v. Chr. über China - erreicht die Pflanze den westlichen Teil Asiens und den Mittelmeerraum ca. 1000 v. Chr. Schliesslich erfolgte die Verbreitung auch in die feucht-kühleren Gebiete Europas. Von den Arten gibt es südliche Herkünfte (lang und spätreif) mit etwas 140 bis 160 Vegetationstagen und einer Temperatursumme von über 3500° C und nördliche Herkünfte (niedrig und frühreif) mit etwa 60 bis 90 Vegetationstagen und ca. 800 bis 1000° C Temperatursumme, z.B. die Sorten Ferimon 12, Fedora 19, Felina 34, Fedrina 74, Fibriman 24 oder 56 usw. Je höher die Zahl hinter den Sortenbezeichungen der französischen Herkünfte ist, desto später ist die Sorte. Die langgestielten Laubblätter sind am Stiel handförmig angeordnet und 5 bis 11zählig. Die Blütenstände der männlichen Pflanze sind endständig, sie stellen eine Trugdolde dar. Die weiblichen Blüten sind ungestielt und finden sich in den Achseln der Laubblätter. Die Blütenstände stellen Scheinähren dar. Die Samen, etwa in der Grösse eines runden Weizenkorns, haben ein Tausendkorngewicht von 15 bis 20g. Das weiche Sameninnere wird von einer graubraunen harten Samenschale geschützt. Der Samen enthält etwa 30% Fett und annähernd 20% Eiweiss.

Die bisher gebräuchlichen Sorten sind meist Fremdbestäuber. Hanf entwickelt eine kräftige Pfahlwurzel, die tief in Mineralböden eindringen und dabei Pflugsohlen lockern kann. Auf Moorböden hingegen ist eine flache Wurzelentwicklung mit starker Verzweigung gegeben. Die männlichen Pflanzen, welche nach dem Ausstäuben des Pollens zu reifen beginnen, sind immer vor den weiblichen Pflanzen reif.

Ansprüche
Ein Hanfbestand stellt hohe Ansprüche an die Nährstoff- und Wasserversorgung des Bodens. Dies muss im wesentlichen auf die starke Massenentwicklung in der 4. bis 10. Wachstumswoche zurückgeführt werden. Hanf kann auch unter weniger günstigen Klima- und Bodenbedingungen angebaut werden, sofern es sich nicht um sehr arme Sandböden oder kalte und feuchte Standorte handelt. Der pH-Wert des Bodens sollte im neutralen bis leicht basischen Bereich liegen.

Das Temperaturminimum für die Keimung liegt bei etwa 4 bis 5°C. Frühe Aussaat oder Gebiete mit kühlem Klima sind für den Anbau von Hanf weniger anzuraten. Es stehen aber neuerdings Formen mit einer kurzen Vegetationsdauer zur Verfügung, so dass auch im Bereich des feucht-kühlen Klimas, unter Ausnutzung von günstigen Vegetationszeiträumen, der Anbau von Hanf möglich ist.

Hanf ist als Kurztagspflanze einzuordnen und reagiert unter den Langtagbedingungen, wie sie in nördlicheren Breiten gegeben sind, mit einer späten Blüte. Es ist dabei zu beachten, dass Pflanzen des südlichen Formenkreises bei Anbau unter Langtagbedingungen überwiegend vegetatives Wachstum aufweisen und einen verspäteten oder schwachen Ansatz zur Blüte zeigen. Pflanzen des nördlichen Typs beschleunigen unter Kurztagbedingungen die Blütenbildung und reduzieren dementsprechend das Massenwachstum.

Als Vorfrüchte für Hanf eignen sich am besten Halmfrüchte, danach Leguminosen, dann Hackfrüchte und schliesslich Gräser und Kräuter. Die Bodenvorbereitung und die Aufschliessung des Unterbodens durch Hanf für später folgende Früchte sollten in der Fruchtfolge und Düngung besonders bedacht werden.

Düngung
Bei der Düngung ist der schon vorhandene Stickstoffvorrat zu berücksichtigen. Eine ausgeglichene Düngung von etwa 100 kg N, 80 kg P2O5 und 140 kg K2O zur Samenproduktion bzw. 80 kg N, 80 kg P2O5 und 120 kg K2O zur Faserproduktion ist auszubringen. Flüssige Wirtschaftsdünger sind unmittelbar vor der Aussaat einzuarbeiten. Hanf dankt gute Startdüngung. Auch gut verrotteter Wirtschaftsdünger wie Mist oder Kompost, im Herbst ausgebracht, wäre Frühjahrdüngungen vorzuziehen.

Anbau
Eine tiefe Herbstpflugfurche wirkt sich günstig aus. Aufgrund der etwas späteren Frühjahrsaussaat kann das Saatbett gegen auflaufende Unkräuter mehrmals bearbeitet und dabei wie für Raps vorbereitet werden. Die Saattiefe beträgt 2 bis 4 cm, auf Moorböden etwas mehr. Hanf kann von April bis Mitte Mai - frühe Arten auch noch später - gesät werden. Die Saatstärke für Hanf wird in der Literatur sehr unterschiedlich angegeben. Die optimale Aussaatstärke und Reihenweite ist arten- bzw. sortenabhängig und wegen der Unterschiede im Tausendkorngewicht, der Keimfähigkeit und des Standraumbedarfs extra festzulegen. Im biologischen Anbau werden zur Samennutzung 8 bis 15 kg/ha bei Reihenweiten von ca. 40 cm (Hacken möglich) ausgesät. Bei kurzen Sorten und bei starken Unkrautdruck sind für die Ölgewinnung Saatstärken von über 13 kg zu empfehlen. Im konventionellen Anbau werden Aussaatmengen zwischen 12 und 20 kg/ha bei Reihenweiten von etwa 22 cm (jede 2. Drillreihe) empfohlen. Für Bestände, welche bei 50 bis 70 cm Wuchshöhe "gespitzelt" werden, um anstatt des hohen Wuchses für die Samengewinnung mehr Verzweigung am Stängel zu erreichen, soll die Aussaatstärke etwa 12 kg betragen. Bei Beständen zur Langfasernutzung wird jede 2. oder 3. Drillreihe gewählt und die Aussaatstärke fast um das Doppelte erhöht. Saatstärken über 40 kg/ha, insbesondere bei langfasrigen Sorten, führen zu einer sehr starken Selbstausdünnung und einer weniger qualitativ hochwertigen Faser. Etwas höher können, lt. Praxisbeobachtungen, die Saatstärken bei kürzeren Fasersorten sein.

Pflege und Pflanzenschutz
Beim Anbau von Hanf ergeben sich keine spezifischen Probleme hinsichtlich der Unkraut- und Ungräserbekämpfung. Die Hanfbestände haben aufgrund ihrer Wüchsigkeit eine sehr starke Konkurrenzkraft zu Unkraut. Beim Anbau von "Ölhanf" ist bei grösseren Reihenabständen auch ein Durchwachsen hochwachsender Unkräuter (z.B. Hirse, Distel oder andere Kultursamen) möglich.

Im Vorauflauf vor der Keimung können die Wirkstoffe von Pendimethalin, Linuron oder Metobromuron angewandt werden, z.B. 1.5 bis 2 kg Patoran, 2.5 l Stomp SC, 1.5 kg Afalon S (Angaben ohne Gewähr).

Gegen Hirse, Gräser, Quecke etc. können die meisten Gräsermittel erfolgreich eingesetzt werden.

Ein Auftreten von Krankheitserregern und Schädlingen ist in Hanfbeständen derzeit aufgrund der wenig intensiven Fruchtfolge kaum vorhanden, wenngleich Bothrytis und Fusarium bei einigen Sorten auch stärker festzustellen sind.

Auch Erdraupen und Schneckenfrass können im Jugendstadium erheblichen Schaden anrichten. Bekannt sind auch Maiszünslerschäden. Eine entsprechende Bekämpfungsmassnahme wäre in diesen Fällen bei Bedarf mit jenen Mitteln möglich, wie sie in anderen Kulturen verwendet werden.

Ernte
Der Erntezeitpunkt des Hanfs liegt ca. 2 bis 3 Wochen nach der Blüte. Für die Gewinnung der Hanffaser werden spezielle Erntegeräte eingesetzt. Es empfiehlt sich, die Faserernte in Gemeinschaften oder überbetrieblich zu organisieren. Die Hanffaser bzw. das Röststroh kann nach Abstimmen der Längen (50 bis 70 cm) auch von den Schwunganlagen für Leinfaser (Adaptierung ist notwenig) aufbereitet werden. Entsprechende rechtzeitige Vorbereitungsmassnahmen, insbesondere der Erntetechnik (Rundballen, Pressballen oder gebündelt etc.), sind mit den Abnehmern vorher abzusprechen.

Die Fasererträge werden durch die Anzahl der Pflanzen je Fläche sowie durch deren Entwicklung bestimmt. Die Erträge können bei 2 t bis über 5 t Röstfaser je ha liegen.

Samen für Vogelfutter oder für die Ölgewinnung werden vor der Endreife (Verpilzungsmöglichkeit ist gegeben) geerntet. Erntereif sind die Samen dann, wenn beim Schütteln der Pflanzen die Samen im Spitzenbereich auszufallen beginnen. Die Samen können mit dem Mähdrescher geerntet werden. Eine entsprechende Adaptierung der Mähdrescher ist bei langen Sorten notwendig. Aus Versuchen ist bekannt, dass Pflanzen, die im Aufwuchs "gespitzelt" werden und folglich durch den nachfolgenden "Besenwuchs" zwar etwas weniger Samenertrag bringen, eine leichtere Ernte mit dem Mähdrescher ermöglichen. Das Dreschen kann ohne wesentlichen Umbau des Mähdreschers durchgeführt werden. Axialdrescher sind Trommeldreschern - bei "ungespitzelten" Pflanzen - vorzuziehen.

Für die Produktion von Öl ist die Anzahl der Samenträger je m2 wichtig. Die Samenerträge lagen 1995 und 1996 bei etwa 800 bis 1300 kg je ha und steigen jährlich durch bessere Sorten und Produktionskenntnisse. Bestimmte Samensorten bringen in Frankreich oder Belgien 2700 kg Samenertrag je ha und mehr.

Lagerung, Verarbeitung und Vermarktung
Hanfsamen sind nach der Ernte von Beikrautsamen zu trennen und auf unter 10% Wassergehalt rasch zu trocknen. Eine Trocknungstemperatur von unter 50° C ist anzuraten. Hanfsamen für den Speisebereich - insbesondere für kaltgepresste Öle - sind unbedingt von Pflanzenschutzmittelrückständen und Verpilzungen frei zu halten. Die Lagerung und Vermarktung erfolgt meist in Jute- oder Papiersäcken.

Das Hanföl enthält etwa 2% Gammalinolensäure und 70 bis 80% essentielle Fettsäuren. Die Verwendung der Hanföle im Lebensmittel- und auch im Industriebereich ist steigend. Besonders als Salatöl wird Hanföl vermehrt verwendet. Hanfsamen wird neuerdings aber auch für "Cannabisbrot", mit einer Schrotmenge von max. 15% in Brotmischung, eingesetzt.

Sorten
Die föderungswürdigen Sorten der EU-Liste: Carmagnola, CS, Delta Llosa, Delta 405, Fedora 19, Fedrina 74, Felina 34, Ferimon, Fibranova, Fibrimon 24, Fibrimon 56, Futura sowie die Sorten Kompolti, Bialobreske, USO 11, USO 13, YUSO14, YUSO 16 haben nach de Meijer (1995) einen THC-Gehalt unter 0.3%.

Die Sorten Secueni 1, Kompolti Hybrid TC, Uniko B, Beniko haben nach de Meijer (1995) einen THC-Gehalt von unter 0.8%

Quelle: Buchgraber et al., Produktionsnischen im Pflanzenbau, L. Stocker Verlag, Graz-Stuttgart.
Erscheinungsdatum Montag 3. November 2003 13:16
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