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Haschisch und Hodenkrebs; keine Angst

Update: Liebe Leser, wie einige Kommentatoren bereits festgestellt haben, hat dieser Artikel - u.a. aus gesundheitlichen Gründen - nicht die gewohnte Qualität. Ich bitte den Fehler zu entschuldigen.

http://fisch-blog.blog.de/ von Godwael Pro @ 09.02.2009

Kiffer haben es schon schwer. Erst die Sache mit der Impotenz, jetzt auch noch Tumore im Genitalbereich: Jedenfalls lesen wir heute in verschiedenen Medien von einer US-amerikanischen Untersuchung, laut der der Cannabiskonsum mit einem höheren Hodenkrebsrisiko einhergeht. Natürlich fehlt auch der Hinweis nicht, dass Hodenkrebs bei Männern zwischen 20 und 40 die häufigste Krebsart sei.

Das Ergebnis stammt aus einer Studie, die Forscher des Fred Hutchinson Cancer Research Centers im Journal Cancer veröffentlicht haben. Dafür haben sie über einen Zeitraum von sieben Jahren knapp 1400 Männer aus dem US-Staat Washington nach ihrem Cannabiskonsum befragt, 369 Hodenkrebspatienten und etwa 1000 Krebs-freie Kontrollen. Auf Basis dieser nicht gerade umwerfenden Fallzahl kommen sie zu dem Ergebnis, dass Kiffen das Hodenkrebsrisiko nahezu verdoppelt, je nach Konsumverhalten.

Die Unterschiede zwischen Fall- und Kontrollgruppe sind, in rohen Zahlen betrachtet, allerdings gering: 73% aller Hodenkrebs-Patienten haben schon einmal gekifft, verglichen mit 68% der Kontrollgruppe. Die größten Unterschiede zwischen beiden – die auch prominent in der Pressemitteilung erwähnt werden – findet man ausgerechnet in den zwei Unterkategorien, die mir eher suspekt erscheinen

Zahlen und Fehlerquellen Die Studie findet unter den Patienten mit 26,3% einen deutlich größeren Anteil an aktiven Drogenkonsumenten als in der Kontrollgruppe (19,6%). Die Sache hat einen kleinen Haken: Die Studienteilnehmer gaben selbst über ihren Konsum Auskunft – und der wird in den USA nicht nur kriminalisiert, sondern ist auch sozial stigmatisiert.

Die Vermutung liegt nahe, dass jemand, der per Telefonumfrage für die Studie rekrutiert wurde, hier einen geringeren Anreiz hat, die Wahrheit zu sagen als ein Patient, der an der Erforschung seiner Krankheit mitwirkt. Wie groß dieser Effekt ist kann ich nicht beantworten, er gehört allerdings zu den bekannten Fehlerquellen in medizinischen Studien.

Die Autoren der Studie diskutieren dieses Problem in ihrem Paper und verweisen darauf, dass die Zahlen für die Kontrollgruppe zu landesweiten Statistiken des Cannabiskonsums passen. Inwieweit diese ebenfalls durch underreporting verfälscht sind und vor allem ob die Studie überhaupt genug Teilnehmer hat, um Differenzen vom wenigen Prozent sicher anzuzeigen, bleibt offen. Außerdem berufen sich die Forscher auf die Zahlen für zwei unterschiedliche Tumortypen, deren Differenzen anzeigen sollen, dass kein systematischer Fehler vorliegt - diese Zahlen jedoch basieren auf noch kleineren Stichproben. Das überzeugt mich nicht.

Fragwürdige Unterteilungen

Die Gruppe der aktuell kiffenden Probanden - eine Auswahl, die aus den oben genannten Gründen zumindest belastet ist - haben die Wissenschaftler nun noch einmal unterteilt, zum einen in Leute, die kürzer oder länger als zehn Jahre am Joint hingen, zum anderen in diejenigen, die vor und nach dem 18. Geburtstag damit angefangen haben. Und mit diesem Vorgehen habe ich so langsam wirklich ein Problem, aber seht selbst:

Quelle: Daling et al.: Association of marijuana use and the incidence of testicular germ cell tumors, Cancer online, 9. Februar 2009, DOI: 10.1002/cncr.24159

Die angegebenen Prozentzahlen der aktuell kiffenden Unter-Untergruppen beziehen sich – kleine Feinheit – auf die kompletten Gruppen und nicht auf die gegenwärtig kiffende Teilmenge. Da unter den Hodenkrebsfällen schon mehr aktive Kiffer sind als in der Kontrollgruppe, führt das dazu, dass die Prozentzahlen der Patientengruppe hier automatisch höher aussehen: 20,6% ist etwa ein Drittel mehr als 14,6%.

Bezieht man die Zahlen dagegen auf die korrekte Teilmenge, bekommt man 75% zu 78%, was schon kein so großer Unterschied mehr ist – zumal wir hier schon über recht kleine Fallzahlen reden. Die gleiche Rechnung mit den Zahlen für die Langzeitkiffer und die beiden unterschiedlichen Tumortypen durchzuexerzieren, überlasse ich euch (auch hier sei noch einmal auf die äußerst geringen Fallzahlen hingewiesen). Zum Abschluss sei noch der übliche Hinweis nicht vergessen, dass das Konfidenzintervall von 95% einen willkürlichen Wert darstellt.

Geringes absolutes Risiko

Selbst wenn das Ergebnis der Studie im Wesentlichen zutrifft (was ich durchaus für möglich halte), relativieren die Fallzahlen die Bedeutung der Studie erheblich. Hodenkrebs ist eine sehr seltene Krankheit, in Deutschland erkranken etwa 10 von 100.000 Männern. Wenn das Ergebnis der Studie korrekt ist, erhöht sich also die individuelle Chance an Hodenkrebs zu erkranken, durch Cannabiskonsum um 0,001 %. Sorry, natürlich um 1/10.000, also ein Zehntelpromille. Da ist mir eine Null zu viel reingerutscht.

Zusätzlich haben, wie man im obigen Link nachlesen kann, Südostasiaten ein zehnfach geringeres Risiko als wir, und die Inzidenz ist in Deutschland drei mal so hoch wie in Finnland. Alles in allem würde ich die praktische Relevanz der Studie für die Kiffer unter euch als eher gering einschätzen.

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Janet R. Daling, David R. Doody, Xiaofei Sun, Britton L. Trabert, Noel S. Weiss, Chu Chen, Mary L. Biggs, Jacqueline R. Starr, Sudhansu K. Dey, Stephen M. Schwartz (2009). Association of marijuana use and the incidence of testicular germ cell tumors Cancer DOI: 10.1002/cncr.24159

  • Les fumeurs ne doivent pas avoir peur pour leurs testicules
Erscheinungsdatum Donnerstag 12. Februar 2009 18:11

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