Interview mit André Fürst, Direktor Hanf-Info Von Isabella Heim, Mitglied der New York Academy of Sciences

Hanf-Info Murten, am 9. März 2002
Hanf - eine Pflanze mit Zukunft

Einleitung: Hanf-Info befindet sich auf dem Bauerngut "Château au Prehl" bei Murten, einem Hof von 21 ha, von denen 5 ha mit Hanf bepflanzt werden. Das innovative und ganzheitlich orientierte Unternehmen will die ökologisch wertvolle Hanfpflanze in ihrer vielseitigen Verwendbarkeit vorführen und den Hanfanbau durch gezielte Informationsarbeit fördern. Mit der Nähe zur Landesausstellung expo.02 möchte Hanf-Info eine breite Öffentlichkeitswirkung erreichen. Die Wirtschaftsräumlichkeiten des Bauernhofs werden für die Ausstellung Hanf-Expo-Chanvre.02 umgebaut und vorbereitet. Es soll Forschungs- und Entwicklungsarbeit in verschiedenen Bereichen betrieben werden. Zur Zeit beschäftigt Hanf-Info um die 20 Voll- und Teilzeitangestellte.

Was ist Hanf? Der Brockhaus gibt folgende Definition: Cannabis, Gattung der Maulbeergewächse mit den Arten Riesen-Hanf und Indischer Hanf. Der H. liefert Fasern hauptsächlich für Seilerwaren, ist zweihäusig, bis 3,5m hoch, einjährig, mit grünlichen Blüten und nüsschenartigen Früchten ("Hanfsamen"), die als Futter für Stubenvögel und zu reizmildernden Umschlägen verwendet werden. Beim Hanfbau wird die kleinere männl. Pflanze (Femel) durch Ausraufen (Femeln) früher geerntet als die weibliche (Maskel oder Mastel). Aus den Fasern wird Hanfgarn, Langfaser-(Hechel-) und Kurzfaser-(Werg-) Garn hergestellt. Der Hanfsamen enthält rund 32% Öl (Hanföl), das zur Seifenherstellung und (mit Leinöl) als Firnis verwendet wird. Rückstände der Ölfabrikation (Presskuchen, Hanfmehl) sind als Kraftfutter geeignet. Hanf enthält betäubende Stoffe, in reichem Ausmass beim Indischen Hanf, der besonders im Iran, Indien, China zur Gewinnung von Haschisch genutzt wird. Europäische Anbaugebiete sind Ost- und Südeuropa (Italien), doch ging die Erzeugung in den UdSSR und Italien seit dem 2. Weltkrieg stark zurück.

I.H: Was unterscheidet Ihre Firma von anderen Hanf-Unternehmen?

A.F: Wir produzieren Hanf zu rein industriellen und medizinischen Zwecken. Die meisten Hanfläden verkaufen Hanfblüten mit einem möglichst hohen Gehalt an D-9-THC, dem psychoaktiven Cannabinoid der Hanfpflanze. Für uns ist das D-9-THC nicht das Wichtigste, denn wir interessieren uns auch für die therapeutische Wirkung anderer Cannabinoide wie Cannabidiol und Cannabinol, die nicht bewusstseinsverändernd sind und z.B. gegen chronischen Schmerzen helfen. Die bekannte Wirkung des "Abgehobenseins" durch hohen D-9-THC-Gehalt ist für manche Patienten eine unerwünschte Nebenwirkung. Die Cannabinoide scheinen komplexe Synergismen zu bilden, über deren Natur bisher noch wenig bekannt ist.

I.H: Wie entstand Ihr Interesse am Hanf?

A.F: Am Anfang stand eine ungerechtfertigte Anklage. Sie kam folgendermassen zustande: eines Abends sass ich auf einer Parkbank und war aus persönlichen Gründen deprimiert. Zufällig kam eine Polizeistreife vorbei. Man kontrollierte mich und stellte fest, dass ich gerötete Augen habe und 1.8 g Hanf bei mir trage. Dies genügte, um mir den Fahrausweis zu entziehen! Mit der Unterstützung des Rechtsberaters des VSHF (Verein Schweizer HanffreundInnen) kämpfte ich mich durch sämtliche Instanzen bis zum Bundesgericht, das mir schliesslich recht gab: da ich nicht am Strassenverkehr teilgenommen hatte, war der Ausweisentzug nicht gerechtfertigt! Inzwischen hatte ich Zeit gehabt, mich über die Rechtslage des Hanfs in der Schweiz zu unterrichten. In unserer Gegend gab es damals ein Lokal, wo sich junge Leute zu Musik und einem gelegentlichen Joint trafen. Seit jedoch die neue Bezirkspräfektin eine härtere Linie in Sachen Drogenpolitik eingeschlagen hatte, gab es dort oft Probleme mit der Polizei. So begann ich, den jungen Leuten mit Ratschlägen zur Seite zu stehen. In den letzten 25 Jahren gab es in der Schweiz annähernd 300 000 Anzeigen wegen "Hanfdelikten". Die meisten waren im rechtlichen Sinne leichte Fälle. Dies trifft nach meiner Ansicht sowieso auf alle Straffälle wegen Hanfkonsum oder Anbau zu.
Durch diese Arbeit wurde dann auch mein Interesse für die medizinische und landwirtschaftliche Seite des Hanfs erweckt.

I.H: Können wir uns die Räumlichkeiten von Hanf-Info ansehen?

A.F: Der Hof ist zur Zeit mitten im Umbau. Es wird ein Ausstellungsraum mit Bar hergerichtet, mehrere Läden für den Verkauf von Hanfprodukten, eine Werkstatt, ein Büro und ein Raum für PC-Terminals mit Internetanschluss. Daneben gibt es Mehrzweckräume für Modeschauen u.ä. Garderoben, Sanitärinstallationen einschliesslich WC für Behinderte kommen ebenfalls dazu. Die Futtersilos werden zu Kühl- und Tiefkühlräumen für leicht verderbliche Ware umgebaut. Zu einem späteren Zeitpunkt soll auch ein Labor für unsere Forschungen eingerichtet werden.
Im Hof steht eine alte Dreschmaschine der Marke "Agrar Rauschenbach", die mit der Hilfe eines alten Bauern aus der Gegend restauriert wurde. Der Mann erzählte uns, dass die Bauern im Seeland noch bis in die 60er Jahre Hanf anbauten und die Maschine reihum zum Ernteeinsatz ausgeliehen wurde. Wir möchten die Dreschmaschine auf unseren Feldern im Einsatz zeigen; als Antrieb wird ein Traktor mit Hanf-Biodieselmotor dienen. Mit einer weiteren restaurierten Maschine werden die Samen gesäubert.
Ein weiteres Projekt ist die Entwicklung von Landmaschinen für die industrielle Produktion, da Handarbeit zu teuer ist. Hanf kann während mehrerer Jahre auf dem selben Feld angebaut werden. Die Hanfpflanze besitzt natürliche Insektizide, ist stickstoffbindend und benötigt keine chemischen Düngemittel. Sie ist aber sehr anfällig für Pilzbefall. Unser Hanf wird biologisch angebaut (Demeter, Fibel). Zur Zeit bauen wir europäischen Hanf an (Cannabis sativa). Auf experimentellen Parzellen möchten wir Hanfsorten verschiedenster Herkunft anbauen, auch den vom Bund subventionierten Industrie-Hanf. Hanf wird ebenfalls in Gewächshäusern gezogen. Die wirkstoffstandardisierten Pflanzen aus diesem Anbau eignen sich sehr gut für die Herstellung von Medikamenten. Es ist bekannt, dass durch starken Wärme- und Lichteinfluss der Wirkstoffgehalt der Pflanzen höher ausfällt. Freilandpflanzen werden im April/Mai ausgesät und vor den ersten Herbstfrösten geerntet.

I.H: Wo bekommt man objektive Informationen über den Hanf?

A.F: Es gibt einige hervorragende websites über Heil- und Entheogenpflanzen, die auch viel über Hanf enthalten. Daneben gibt es ganz auf Hanf spezialisierte sites, darunter empfehlenswerte auf Deutsch. Auf unser eigenen website www.hanf-info.ch publizieren wir vorwiegend Texte in französischer, deutscher und englischer Sprache. Wir haben ca. 5 Mio. "hits" pro Jahr. Auf französische Texte legen wir besonderen Wert, weil es in Frankreich am meisten Widerstand gegen die Publikation positiver Aussagen über den Hanf gibt. Bis jetzt wurden an die 1000 Seiten übersetzt. Wir investieren einen grossen Teil unserer Einnahmen in unsere Informations- und Publikationstätigkeit. Falsche Vorstellungen über den Hanf sind immer noch weit verbreitet. Um dies zu ändern, muss das Publikum objektiv informiert werden.

I.H: Sie sagten, Hanf sei eine der wertvollsten Pflanzen. Wie wird sie verwendet?

A.F: Die ganze Pflanze ist nützlich! Aus den Samen wird Öl gepresst, ein Basisprodukt für Kosmetika, Medikamente und Lebensmittel. Es ist reich an ungesättigten Fettsäuren und Spurenelementen. Das Abfallöl eignet sich als Bio-Diesel. Aus dem Blüten- und Blattmaterial wird durch Destillation essentielles Öl gewonnen für Aromatherapie, Kosmetika und Homöopatika. Für die Herstellung dieser Produkte werden die weiblichen, samentragenden Pflanzen verwendet. Mit den männlichen Pflanzen haben wir letzten Sommer die Schweine gefüttert; es hat ihnen vorzüglich geschmeckt! Die proteinreichen Presskuchen sind ein gutes Tierfutter (Rinder, Schweine). Sie sind auch für die Herstellung von Mehl für Brot und Teigwaren geeignet. Das Trocknen der Hanfpflanzen ist ebenso heikel wie beim Tabak. Die Feuchtigkeit muss so rasch als möglich aus dem Trocknungsraum entfernt werden. Sachgerechtes Trocknen baut auch das Chlorophyll ab, das den Geschmack späterer Lebensmittel beeinträchtigen könnte. Als Baumaterial eignet sich Hanf bestens. Für die Ausstellung werden wir Bungalows und einen restaurierten Kornspeicher mit Hanf-Baumaterial aufstellen. Hanfwolle ist für die Temperatur- und Geräuschisolation ebenso gut geeignet wie Glaswolle, erst noch weniger gesundheitsschädlich und nicht teurer. Im Bereich Lebensmittel stellt Hanf-Info zwei Getränke her: "Canabul", eine Limonade mit essentiellem Öl, und "A l’Aven", ein dunkles Hanfbier.

I.H: Welche Indikationen für medizinische Hanfpräparate gibt es?

A.F: Auf diesem Gebiet werden zur Zeit viele wissenschaftliche Studien durchgeführt. Es zeigte sich, dass Hanf bei so verschiedenen Leiden wie hohem Blutdruck, Herzkrankheiten, Glaukom, chronischen Schmerzen, multipler Sklerose, Gefässkrankeiten, Migräne, Schlaflosigkeit und nervösen Störungen wirksam ist.
Wir haben Hanf für die Herstellung eines halbsynthetischen THC exportiert. Dazu brauchte es tonnenweise geschnittenes Pflanzenmaterial. Würde man für den selben Zweck Blüten verwenden, bräuchte es nur einen Bruchteil davon. Diese synthetischen THC-Präparate sind im Vergleich zu natürlichen Hanfmedikamenten sehr teuer und garantieren der pharmazeutischen Industrie hohe Gewinne!
Die wenig erforschte Wurzel der Pflanze soll ein natürliches Antibiotikum enthalten. In dieser Richtung möchten wir in Zukunft einige Versuche unternehmen.

I.H: Wie stellen Sie sich zur Landesausstellung expo.02?

A.F: Wir haben vor 8 Jahren ein Gesuch um Teilnahme gestellt, das abgelehnt wurde. Seither hat sich die öffentliche Meinung geändert und ich denke, heute hätten wir damit weniger Probleme. So befinden wir uns eher am Rand der expo.02 und machen unsere eigene Publicity. Wir sind der Ansicht, dass sich trotz des nichtoffiziellen Status der Hanf-Expo-Chanvre.02 eine grosse Zahl von Besuchern auf unserer attraktiven und interaktiven Ausstellung einfinden wird.

I.H: Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung von Hanf-Info?

A.F: Zur Zeit steht die Ausstellung an erster Stelle. Anlässlich einer Reise nach China wurde mir letztes Jahr ein Joint Venture-Angebot gemacht, das ich mittelfristig wahrnehmen möchte. Der Erfahrungsaustausch mit den Chinesen wird beiden Seiten zugute kommen. Die Chinesen interessieren sich für die Erntemaschinen, die wir entwickeln, denn die üblichen Geräte eignen sich nicht für die Ernte der faserreichen Hanfpflanze. Die Chinesen planen grossflächige Hanfplantagen für die Textil- und Papierherstellung zu niedrigen Preisen. Im Gegensatz zur Baumwolle, deren Anbau 50% der weltweiten Produktion von Herbiziden und Pestiziden und 30% des Kunstdüngers verbraucht und schwere ökologische Schäden anrichtet, ist Hanf eine anspruchslose Kulturpflanze, welche diese Hilfsmittel nicht benötigt und mit natürlichen Düngemitteln gut gedeiht.
Ein weiteres Projekt besteht in einem Informationszentrum für Patienten, die Hanf für medizinische Zwecke zu sich nehmen möchten. Wir könnten ihnen helfen, die beste, nebenwirkungsfreie, individuelle Anwendungsform und Dosis zu finden.

I.H: An welchen Veranstaltungen haben sie bereits teilgenommen?

A.F: Am Comptoir de Lausanne 2000, wo wir um die 300 Hanfprodukte präsentierten: Kleider, Schuhe, Taschen, Bücher, Papier, Getränke, Medikamente, Kosmetika, Seifen, Öl usw.
An der Mednat 2001 in Lausanne.
An einer Ausstellung im Museum für historische Landwirtschaft des Kantons Freiburg.
Ich habe das Hanf-Museum in Montjean (Dept. Loire, F) besucht. Man sieht dort Bilder der grossen Segelschiffe früherer Zeiten. Sie waren alle mit Segeln und Seilen aus Hanf ausgerüstet. Im Loire-Gebiet wurde damals viel Hanf angebaut. Die Hanf-Industrie hatte wesentlich zum Reichtum dieser Gegend beigetragen. Die prachtvollen Loire-Schlösser wurden durch die Hanfproduktion finanziert! Heutzutage scheint Frankreich in dieser Hinsicht unter Gedächtnisverlust zu leiden...Hanf war in ganz Europa bekannt und wurde viel angebaut!
Das Hanf-Museum Amsterdam sponsort ein Schiff, das mit einer Hanf-Ausstellung an Bord eine Weltreise macht. Wir halten unser Publikum über ihr Unternehmen auf dem Laufenden, und sie zeigen sie Bilder unserer Farm hier in Murten.
Hanf im Allgemeinen und Hanf-Info im Besonderen waren natürlich an der letzten Murtner Fastnacht als Thema vertreten! Auf einem Wagen am Karnevalsumzug wurde die Lage um den Schweizer Hanf als das Chaos geschildert, das sie in Wahrheit ist! Die Darstellung meiner Person mit Schlafmütze (aus Baumwolle!) hat mich ebenso belustigt wie dazu herausgefordert, mich in Zukunft noch mehr für die Rehabilitierung des Hanfs einzusetzen. Ich denke, dass wir von Hanf-Info noch viel für die Wiedereinführung dieser alten Kultur- und Heilpflanze tun können!

I.H: Herr Fürst, ich danke Ihnen für dieses Interview und wünsche Ihnen viel Erfolg für die Hanf-Expo-Chanvre.02 und Ihre weiteren Projekte.

Artikel modifiziert Mittwoch 5. November 2003 16:33, Erscheinungsdatum Mittwoch 5. November 2003 16:24

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