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Kiffen. Es ist nicht mehr wie bei den Indianern

2004/06/05 - Berner Zeitung

Die Hardliner werden sich, sollten sie sich am übernächsten Montag im Bundeshaus durchsetzen, als die wahren Wohltäter der Gesellschaft feiern. Ihr Triumph wird ein kleiner sein. Denn eines lässt sich bereits jetzt, ein paar Tage vor den entscheidenden Verhandlungen im Nationalrat, mit Gewissheit sagen: Scheitert die Liberalisierung des Konsums von Cannabis im eidgenössischen Parlament, dann wird die Zahl der Kiffer deshalb nicht merklich kleiner werden. Wer kifft, weiss, dass illegal ist, was er raucht.
Namenlose Dealer Von einer halben Million regelmässiger oder gelegentlicher Konsumentinnen und Konsumenten geht in der Schweiz die Dunkelziffer aus. So viele werden es vielleicht nicht ewig sein, doch ob mehr oder weniger gekifft wird, kann nicht die Politik festlegen. Das ist abhängig von Stimmungen und Trends, die auf der Strasse, in Beizen, Bars und Parkanlagen und nicht im Bundeshaus gemacht werden.
Gewiss: In der Szene herrscht Nervosität und Unsicherheit. Die zum Teil massive Repression gegen Hanfläden zeigt Wirkung. Der Schwarzmarkt ist noch undurchsichtiger geworden. Konsumenten und Konsumentinnen, die nicht selber daheim auf dem Balkon ein paar Pflänzchen haben, müssen sich auf der Gasse eindecken. Bei Dealern, die sie nicht kennen und von denen sie nicht wissen, ob sie ihnen trauen können. Bleibt das Verbot, drohen die Strukturen des Handels zu zerfallen, die trotz aller Illegalität über viele Jahre entstanden sind und den Markt einigermassen ordneten.
Der Markt der Gasse aber ist zersplittert und chaotisch. Abriss - schlechter Stoff zu überrissenen Preisen - vielerorts die Regel. In einer offenen Gesellschaft müsste die Liberalisierung des Cannabiskonsums die logische Folge einer veränderten Realität sein - eine halbe Million Kiffer sind keine marginale Erscheinung. Vor allem aber drängt sie sich auf, weil die Beibehaltung des Verbots - und damit eine weitere Verhärtung der Repression - zahlreiche Jugendliche kriminalisiert, die sonst nicht im Widerspruch zur Gesellschaft stehen. Doch davon geht die Mehrheit der Liberalisierungs-Gegner noch immer aus. Sie hat ein Bild der Kiffer, das schon lange nicht mehr stimmt.

Die Friedenspfeife
Der zuweilen fast militante Widerstand gegen die Freigabe so genannter weicher Drogen ist vor dem Hintergrund der Kulturgeschichte des Haschischrauchens in den vergangenen 40 Jahre zu lesen. Geraucht wurde im Westen schon lange. Der deutsche Kulturkritiker und Schriftsteller Walter Benjamin etwa hat seine Haschischerfahrungen bereits 1927 erstmals protokolliert. Mehr als 40 Jahre später wurden die fast pedantisch genauen Rauschberichte neu entdeckt. Es waren die Jahre der Blumenkinder, der Hippies. Durch sie wurde das Kiffen in den Sechzigerjahren zum Massenphänomen. Haschisch war nicht nur ein Genussmittel - ein das Bewusstsein erweiterndes, wovon man damals in der Szene überzeugt war -, Haschisch war auch ein Stoff der Rebellion. In der gegenkulturellen Bewegung der USA, später auch Westeuropas, war das Ritual des in der Runde herumgereichten Joints eine Demonstration. Kiffen wurde zur Lebenshaltung, die in krassem Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft stand. Der Joint als Erkennungszeichen:
Wer an ihm zog, gehörte dazu. Ein bisschen wie bei der Friedenspfeife der Indianer.

Auch Rechte kiffen
Selbstverständlich hatte Kiffen immer auch den Hauch der Verschwörung. Gezwungenermassen. In einer Stadt wie Bern waren schon damals die stillen, abgelegenen Plätzchen rar, die die Kiffer aufsuchten, um "einen durchzuziehen". Die Szene war entschieden kleiner als heute und darum für die Polizei einigermassen übersichtlich. Die Kiffer wurden gejagt: Es ging dabei nicht nur um Haschisch, es ging auch - oft vor allem - um die Lebenshaltung dahinter. Kiffer waren Linke. Linke unter Drogen: Gefahrenstufe 1 in den Jahren des Kalten Kriegs.
Heute kiffen auch Rechte. Und Rechtsextreme. Jugendbanden, bevor sie zuschlagen. Kids am Morgen vor der Schule, Oldies am Abend auf dem Balkon. Heute kiffen alle. Ein Joint, ein Cüpli, ein Bier - wo liegt der Unterschied? Hauptsache, man fühlt sich gut drauf. Kiffen ist ein ganz gewöhnliches Gesellschaftsvergnügen geworden. Und genau darum nicht immer nur ein Vergnügen. Aber darüber lässt sich schwer reden: Weil die Gegner einer Liberalisierung des Cannabis die alten Feindbilder im Kopf haben. Der "Haschischfixer", der alte Nestbeschmutzer, hat definitiv ausgedient. Kiffen ist längst unpolitisch geworden.

Der Autor: Bernhard Giger (bernhard.giger chez bernerzeitung.ch) ist stellvertretender Chefredaktor der Berner Zeitung BZ und Leiter des Ressorts Stadt Bern.

Erscheinungsdatum Montag 7. Juni 2004 14:25

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