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Kiffen in Zahlen

2004/05/26 - Der Bund

Im Jahr 2002 betrug der Anteil regelmässiger Raucher unter Achtklässlern 19 Prozent. 13 Prozent galten als Gewohnheitstrinker, 14 Prozent als Gewohnheitskiffer.

Das zeigen gleich zwei neue Studien zum Thema. Laut den Forschern sind Realschüler, die nach dem Modell Manuel unterrichtet werden, besonders anfällig für den Suchtmittelmissbrauch. Die Zahlen zeigen: Kurt Wasserfallens Thesen zum Cannabiskonsum treffen in Bern nicht zu. (sch)

"Manuel" ist ungesünder
Gesundheitsforscher untersuchen Strategien, um gesunde Verhaltensweisen in Berner Schulen zu stärken Jugendliche, die trinken, kiffen und rauchen, geraten immer häufiger in die Schlagzeilen. Zwei neue Studien präsentieren die Lage in Berner Schulen. Sie entkräften Vorurteile und zeigen, wie gesundes Verhalten gestärkt werden kann.

Alkohol, Cannabis und Nikotin sind nicht nur Stoffe, die sich unter Jugendlichen zunehmender Beliebtheit erfreuen. Sie bilden auch den Stoff, der unter Erwachsenen für Schlagzeilen sorgt. Fachleute indes warnen vor Dramatisierungen (siehe Interview). «Smash 2002», die gross angelegte Studie zum Gesundheitsverhalten von 16- bis 20-Jährigen in der Schweiz, lieferte letztes Jahr eine nüchterne Analyse des jugendlichen Rauschgebarens.

Zwei neue Berner Studien ergänzen und verfeinern nun bereits bekannte Befunde (siehe Kasten). Die eine wurde vom ehemaligen Leiter des Berner Gesundheitsdienstes Jean-Claude Vuille mitverfasst (im Folgenden: die Berner Studie). Sie fokussiert auf Sechst- und Achtklässler aus dem ganzen Stadtgebiet. Die zweite Untersuchung stammt von der Fachhochschule Solothurn Nordwestschweiz (im Folgenden: die Solothurner Studie). Sie bezieht sich nur auf die Quartiere im Stadtteil 3, wo Forschende rund 1200 Jugendliche im Alter von 10 bis 25 Jahren befragten. Nachstehend folgen einige Werte aus der Berner Studie, die sich auf Achtklässler beziehen:

Kiffen, trinken usw. - die Zahlen
- Rauchen: Zwischen 1995 und 2002 bewegte sich der Anteil regelmässiger Raucher auf einem konstant hohen Niveau von jeweils zwischen 15 und 18 Prozent. Regelmässig heisst: mindestens eine Zigarette pro Woche.
- Trinken: In derselben Zeitspanne nahm der Anteil der Gewohnheitstrinker (mehr als ein Glas pro Woche) von fünf auf 13 Prozent zu.
- Kiffen: Auch beim Kiffen war eine Zunahme regelmässig Joints Rauchender zu verzeichnen - von fünf auf 14 Prozent.

Die Zahlen bestätigen bereits bekannte Trends aus anderen Studien: Im Untersuchungszeitraum von 1995 bis 2002 nahmen geschlechtertypische Konsummuster ab. Nikotin, Alkohol und Cannabis sind bei Berner Mädchen und Jungen etwa gleich beliebt. Ausserdem wird deutlich, dass sich das Einstiegsalter für Alkohol- und Cannabiskonsum nach unten verschiebt. Bei den Knaben gaben sechs und bei den Mädchen siebeneinhalb Prozent an, in den letzten sieben Tagen mindestens einmal betrunken gewesen zu sein. "Es gibt also bereits bei den 14- bis 15-Jährigen echte Alkoholprobleme", folgert das Autorenteam rund um Jean-Claude Vuille. Das sei "sicher keine Bagatelle".

Je älter, desto konsumfreudiger
Die Solothurner Sozialforscher wollten wissen, wie sich das Konsumverhalten mit zunehmendem Alter verändert. Sie zeigen, dass junge Kinder aktive und nichtkommerzielle Tätigkeiten bevorzugen - spielen in der Badi etwa. Mit zunehmendem Alter passen sie sich hingegen erwachsenen Freizeitbetätigungen an -Shopping und Ausgang rückt in den Vordergrund. Damit nimmt auch der Suchtmittelkonsum zu. Beträgt etwa der Anteil regelmässiger Trinker bei 16- bis 20-Jährigen 27 Prozent, so liegt er bei den 21- bis 25-Jährigen bei 32 Prozent. Lediglich beim Kiffen geht der Trend interessanterweise in die entgegengesetzte Richtung (siehe unten stehenden Artikel).

Zwei beeinflussbare Faktoren
Anders als die Solothurner Studie erhob die methodisch sehr versierte Berner Untersuchung auch Daten zu sozialer Herkunft, Nationalität, Bildungsstand und Schulzugehörigkeit. Damit bestätigt sie zunächst bereits bekannte Befunde für den Platz Bern: Kinder aus unteren sozialen Schichten und Ausländer aus bildungsfernen Elternhäusern tragen grössere Gesundheitsrisiken als Wohlsituierte. Zudem sind Mädchen gegenüber Knaben benachteiligt.
Die wichtigsten Befunde beziehen sich indes auf zwei Faktoren, die von politischen Verantwortungsträgern und von Pädagogen beeinflusst werden können. Auf struktureller Ebene ist das Schulmodell von Bedeutung. Die Autoren unterscheiden zwischen einem integrierenden Typus, in dem Real- und Sekundarschüler ihren Unterricht mehrheitlich in derselben Klasse verbringen (Modelle Twann und Spiegel), und einem separierenden Typus. Zu Letzterem zählt das Schulmodell Manuel, wo Sekundar- und Realschüler mehrheitlich in getrennten Klassen unterrichtet werden.

"Spiegel" ist besser als "Manuel"
Die Studie zeigt nun, dass das Schulmodell einen erheblichen Einfluss auf problematische Verhaltensweisen ausübt (siehe Tabelle). Schülerinnen und Schüler aus reinen Realschulklassen fühlen sich kränker, haben häufiger Essprobleme, greifen öfter zur Flasche oder zum Joint als ihre Alterskameraden in den reinen Sekundarschulklassen (siehe Tabelle 1). Dass andere Variablen wie Nationalität hierbei eine Rolle spielen, konnten die Forscher ausschliessen. So war auch der Raucheranteil unter Schweizer Realschülern höher als jener unter schweizerischen Sekundarschülern. Ausländische Realschüler in den integrierten Klassen "Twann" und "Spiegel" verhielten sich zudem weit gesünder als ausländische Jugendliche in den "Manuel"-Klassen. "Die Monokultur in Realklassen ist der Ausbildung gesundheitsverträglicher Verhaltensweisen offensichtlich nicht förderlich, und aus der Sicht der Gesundheitsförderung ist den integrierten Schulmodellen deshalb der Vorzug zu geben", so das Fazit.

Mental stark durch das Leben
Das zweite bedeutungsvolle Faktorenbündel bezieht sich auf "die psychische Widerstandskraft und das Selbstwertgefühl" der einzelnen Schüler. Die Theorie dahinter: Mental starke Menschen können mit widrigen äusseren Umständen besser umgehen als psychisch labilere. Die Studie sucht daher so genannte psychosoziale Schutzfaktoren, die hemmend auf den Missbrauch von Suchtmitteln wirken (siehe Tabelle 2). Die Schüler wurden zum Beispiel gefragt: "Wenn du regelmässig Alkohol trinken würdest, würde das Freundschaften und Bekanntschaften stören, die für dich wichtig sind?" Achtklässler, die diese Frage bejahten, griffen tatsächlich signifikant weniger zur Flasche.
Handkehrum entpuppten sich andere Charaktermerkmale als Risikofaktoren. Sechstklässler mit einem guten Selbstwertgefühl griffen beispielsweise nicht weniger, sondern viel schneller zum Alkohol als Alterskameraden, die im Allgemeinen weniger gut drauf waren.

Wasserfallens These trifft nicht zu
Kurt Wasserfallen, freisinniger Befürworter eines Cannabiskonsumverbots, hatte seine Haltung unlängst im "Bund"-Interview mit der Überzeugung gerechtfertigt: "Wer kifft, kann nie mehr aufhören". Offen liess der Ex-Polizeidirektor, auf welche Evidenz sich seine Einsicht stützt. Sicher ist: Auf Bernerinnen und Berner trifft seine Aussage nicht zu. Im Gegenteil: Laut Daten der Solothurner Studie nimmt der Anteil regelmässiger Joint-Raucher mit zunehmendem Alter ab. In der Altersgruppe der 16- bis 20-Jährigen gaben 16,6 Prozent an, regelmässig zu kiffen. Dieser Anteil halbiert sich bei den 20- bis 25-Jährigen auf ungefähr 9 Prozent. Dieser Befund passt zu etlichen anderen Studien, erklärt hierzu Koautor Peter Sommerfeld von der Fachhochschule Solothurn auf Anfrage. Demnach verdichte sich die Hypothese, dass vielen Jugendlichen der Joint mit der Zeit wieder verleidet. (sch)

Die Untersuchungen
Peter Sommerfeld, Marie-Thérèse Hofer: Bericht zur Situation von Kindern und Jugendlichen im Stadtteil 3 von Bern, 2004 (Manuskript). Die Studie entstand im Auftrag des Partizipationsprojektes "Mach mit" im Stadtteil 3. Da sie den Bedarf an offener Kinder- und Jugendarbeit ermittelt, ist ihre Fragestellung breit: So wurden nebst der eigentlichen Befragung von 1246 Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 25 Jahren auch Sozialstruktur-daten und Einschätzungen von Fachleuten ausgewertet. Vuille, Carvajal, Casaulta, Schenkel: "Die gesunde Schule im Umbruch", 2004 (Rüegger).

Fokussiert wird auf die Gesundheit der 12- bis 14-Jährigen in 18 von 20 Berner Oberstufenschulen zwischen 1997 und 2002. Die Autoren schaffen es, ihren Stoff trotz komplizierten statistischen Verfahren leicht lesbar zu präsentieren. Die empfehlenswerte Studie ist im Buchhandel erhältlich. (sch)

Prozent kiffen nicht
Peter Sommerfeld
Professor an der Fachhochschule Solothurn und Mitautor der Studie über Jugendliche im Stadtteil 3

"Bund": In letzter Zeit ist immer wieder von Alkoholexzessen, übermässigem Kiffen aber auch von zunehmender Gewalt unter Jugendlichen die Rede. Wie verhält sich diese Wahrnehmung mit Ihrer Untersuchung im Stadtteil 3?

Peter Sommerfeld: Vorab ist festzuhalten, dass die Jugend immer unter besonderer Beobachtung der Erwachsenen steht. Die Jugendlichen eignen sich hervorragend als Projektionsfläche für die Sorgen der Erwachsenen. Unsere Studie rückt diese Relationen ein wenig zurecht. Es stimmt, dass es zwar jeweils unterschiedlich grosse Gruppen gibt, die Alkohol oder Cannabis regelmässig oder immer wieder in grossen Mengen - Stichwort Rauschtrinken - konsumieren. Diese Gruppen verdienen in der Tat besondere Aufmerksamkeit. Aber für die meisten der von uns befragten Jugendlichen ist der Suchtmittelkonsum kein oder höchstens ein vorübergehendes Problem. Beim Kiffen gilt dies für etwa 90 Prozent, beim Trinken für 80 Prozent der Jugendlichen. Was die Gewalt betrifft: Es gibt sie auch im Stadtteil 3. Mit dem Alter nimmt die Gruppe der Gewalt Ausübenden und Erleidenden jedoch ab. Das heisst, fast alle lernen gewaltfrei und zivilisiert zu leben.

Je nach Altersgruppe gaben in Ihrer Studie nur 32 bis 54 Prozent der Jugendlichen an, keine Sorgen zu haben. Ein Grund zur Sorge?

Jugendliche haben halt eine ganze Reihe von Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Sie müssen die Schule absolvieren, den Übergang in die Erwerbsarbeit meistern, ihre Geschlechterrolle lernen, ihre Identität finden. Gleichzeitig werden die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hierfür immer schwieriger. Es hat uns insofern eher überrascht, dass so viele Jugendliche keine Sorgen haben. Wir können aufgrund unserer Ergebnisse sogar festhalten, dass das Aufwachsen für die grosse Mehrheit der Jugendlichen zu gelingen scheint.

Sie stellen fest, dass Mädchen häufiger als Knaben nicht zufrieden sind mit ihrem Körper. Wie sind diese Unterschied zu interpretieren?

Für Mädchen gilt, dass sie ihren Weg zwischen traditionellen Familienwerten, die an Bedeutung verlieren, und unbegrenzt erscheinenden Möglichkeiten finden müssen. Das heisst, ihre Verunsicherung ist tendenziell grösser als die der Knaben. Insofern ist der Körper einer Frau nach wie vor ein wesentlicher Aspekt ihrer "Kapital-Ausstattung". Und natürlich unterliegen die Mädchen dem Druck des Schönheitsideals, das unter anderem von der Lifestyle-Werbung inszeniert wird.

Bernhard Schär
Erscheinungsdatum Mittwoch 26. Mai 2004 15:33

Folgender Artikel :

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