Kohle durch Kiffen
Von Siggi Weidemann
Den Haag - Natürlich wird kontrolliert. Auf den Autobahnen und in den internationalen Zügen von Amsterdam nach Paris oder Frankfurt. Und gefunden wird von Polizei und Zollfahndern immer etwas. Und so wandern stets mehr Niederländer in deutsche und französische Gefängnisse - und 80 Prozent von ihnen wegen Drogendelikten, wie das Justizministerium jetzt mitteilte.
Hohe Gewinnmargen
Abgesehen von Kokain oder Heroin ist es vor allem Cannabis, das von Holland aus ins Ausland transportiert wird. Cannabis ist die in Europa am häufigsten konsumierte illegale Droge, die nicht mehr als harmlose Alltagsdroge betrachtet wird.
Weil hohe Gewinnmargen locken, sich aber auch die wirtschaftliche Lage vieler Niederländer verschlechtert hat, ist der Anbau von Cannabis auf Dachböden oder in Schlafzimmern zu einem beliebten Hobby geworden. In etwa 100 000 holländischen Wohnungen und Häusern, so schätzen die Wohnbauvereinigungen, werden Cannabisplantagen vermutet.
700 Euro netto
Schon mit sechs Pflanzen kann der Hobbyzüchter bei optimalen Bedingungen monatlich bis zu 700 Euro verdienen. Viele Züchter bezahlen davon Hypotheken für ihre Häuser oder finanzieren ihren Urlaub. Um ihre Kosten zu senken und nicht wegen der hohen Strompreise aufzufallen, zapfen Züchter immer zahlreicher illegal Strom ab.
Die Elektrizitätsunternehmen schätzen, dass ihnen dadurch jährlich rund 200 Millionen Euro Einnahmen entgehen. Wöchentlich entdeckt allein der Elektrizitätskonzern Nuon 20 illegale Cannabisplantagen.
Und Versicherungskonzerne kalkulieren die Brandschäden in den illegalen Wohnhausplantagen auf jährlich rund 60 Millionen Euro.
Grauzone Growshops
"Unsere Branche wächst wie Kohl", heißt es bei der Cannabisvereinigung Highlife, in dem sich so genannte Growshops zusammengeschlossen haben.
In den 325 Growshops im Land kann ein Hobbyzüchter legal alles kaufen, was er für den Anbau benötigt, der illegal ist, wenn er mehr als fünf Pflanzen besitzt. "Wenn etwas den Spagat der holländischen Drogenpolitik illustriert", so das NRC Handelsblad, "dann ist es der Anbau von Cannabis."
Hasch rauchen und verkaufen, ist erlaubt, der Anbau aber verboten. Die maximale Strafe, die ein Hobbyzüchter erhalten kann, liegt bei zwei Jahren. Profis bekommen vier Jahre - dazu wurde aber noch keiner verurteilt.
Bessere Qualität
Auf der Utrechter Fachmesse "Highlife Hennep", wie Cannabis im Land genannt wird, konnten sich jüngst 15 000 Besucher in aller Offenheit über den Cannabisanbau informieren.
Die Besitzer von etwa 800 Coffeeshops im Land, in denen legal Marihuana und Haschisch gekauft werden kann, konnten dort ihre Ware einkaufen. Da holländisches Cannabis qualitativ besser und der psychoaktive Wirkstoff THC höher ist als bei der Konkurrenz aus dem Maghreb, ist es ein begehrtes Exportprodukt.
Die Cannabisproduktion hat sich inzwischen zu einem wichtigen Betriebszweig der holländischen Agrarindustrie entwickelt. Die mehrere Millionen Euro umfassende Schattenwirtschaft im illegalen Drogenhandel ist für Wirtschaft und Tourismus lukrativ.
Positives Hollandbild
Allein nach Maastricht reisen jährlich ungefähr 1,5 Millionen Drogentouristen. Nach Angaben des statistischen Landsamtes liegt der Wert des illegalen Drogenhandels bei mehreren Milliarden Euro jährlich.
Sorgen bereitet der konservativen niederländischen Regierung das negative Image ihres Staates im Ausland. So hat der amerikanische Sender Fox News Niederländer "Bordell besuchende, Kokain schnupfende Kindermörder ohne Normen und Werte" genannt.
Mit diesem Vorurteil, empörte sich der niederländische Außenminister Jaap de Hoop Scheffer, können wir nicht glücklich sein. Die niederländischen Botschafter hat er nun beauftragt, intensiv für ein positives Hollandbild zu werben.
Sueddeutsche Zeitung, 09.03.05
http://www.sueddeutsche.de/,tt4m2/panorama/artikel/72/49023/









