Offener Brief an Yves Cochet, Moritz Leuenberger, José Bovet, Daniel Cohn-Bendit und andere Umwelt-Politiker

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wir wissen nicht, wann die letzten Erdölquellen versiegen. Sicher ist jedoch, dass die Ära billigen Erdöls definitiv zu Ende ist. Der Krieg um das schwarze Gold, die Diktaturen, die ökologischen Katastrophen, die Korruption, die Spekulation und die Erdölsteuern belasten in zunehmendem Masse alle Länder, ob Nord oder Süd. Selbst in relativ wohlhabenden Ländern wie der Schweiz, Frankreich und Deutschland sind die Ausgaben für Energie mit einem Durchschnittsgehalt kaum noch bezahlbar. Ärmere Bürger müssen sich jetzt schon einschränken und damit abfinden, dass sie im Winter frieren werden. Unter diesen Umständen sind künftige Unruhen garantiert. Schon werden Gesetze umgangen, indem z.B. dem Mineralöl billiges Pflanzenöl beigemischt wird. Es ist an der Zeit, solche Praktiken zu reglementieren. Wir bitten Sie, auf die Stimme des Volkes zu hören und sich bei den massgebenden Stellen für Lösungen mit sofortiger Wirkung einzusetzen. Der Winter naht!

Wir lehnen die Atomenergie ab, doch möchten wir uns nicht in die Diskussion um alternative Energiequellen wie Wasserstoff, Wind, Sonne usw. einmischen, denn jede Region muss das Energieproblem unter Einbezug der vorhandenen Ressourcen lösen. Der kurzfristige Einsatz alternativer Energiequellen würde die anstehenden Probleme ohnehin nicht lösen. Die Bevölkerung braucht jetzt konkrete Lösungen mit sofortiger Wirkung, denn sie hat kein Vertrauen mehr in Pläne, die nur allzu oft in Schubladen verschwinden. Deutschland ist hier mit gutem Beispiel vorausgegangen. Dort hat man sich bereits in überdurchschnittlichem Mass für erneuerbare Energien engagiert und erlaubt die Verwendung von filtriertem Pflanzenöl ohne Mineralölsteuer. Der aktuelle Grosshandelspreis für Heizöl beträgt 0.50 € Cent pro Liter, für Pflanzenöl 0.30 € und darin liegt ein gewaltiges Einsparpotential!

Leider ist in den meisten Ländern die Verwendung von unbesteuertem Pflanzenöl verboten; so auch in Frankreich: es stehen hohe Bussen oder bis zu drei Jahre Gefängnis auf die illegale Verwendung von Pflanzenöl. Die Schweizer Zollbehörden begnügen sich damit, Steuern und Bussen nachzufordern. Bei der Verwendung von Pflanzenöl zum Heizen ist die Überwachung schwieriger. Heizöl kann bis zu 50% mit Pflanzenöl vermischt werden, ohne aufwendige technische Veränderungen an den Heizanlagen und unter der Voraussetzung, dass die beiden Öle gut gemischt sind. Zwar müssen zur Versorgung mit Pflanzenöl grossflächige Monokulturen mit Ölsaaten angelegt werden, aber dies bietet auch neue Möglichkeiten für bereits vorhandene landwirtschaftliche Strukturen. Für die Herstellung und die Verteilung muss nicht in kostenintensive Infrastrukturen investiert werden, so wie es z.B. bei der Verwendung von Alkohol und Di-Ester notwendig wäre. Für Pflanzenöl müssen manchmal gewisse technische Anpassungen vorgenommen werden, vor allem für die Filtrierung und Injektion des Öls, es handelt sich jedoch um vergleichsweise einfache und billige Adaptationen. Beim verbreiteten Einsatz von steuerfreiem Pflanzenöl stellt sich das Problem eines empfindlichen Rückgangs der staatlichen Einnahmen von der Mineralölsteuer, ebenso müssten die petrochemischen Kartelle mit Gewinneinbussen rechnen.

Die Verbilligung der Brennstoffe ist eine umstrittene Sache. Einige Politiker, darunter der ehemalige französische Umweltminister Yves Cochet, sind der Ansicht, dass man sich an den hohen Erdölpreis gewöhnen und öffentliche und alternative Verkehrsmittel bevorzugen müsse, da hauptsächlich das Auto zur Klimaerwärmung beitrage. In der Zeitung Libération vom 10. September 2005 erklärte Cochet „dass man durch Bio-Brennstoffe bestenfalls einige zehntausend Barrels zur Verfügung hätte und dass Pflanzenöle niemals das Erdöl ersetzen könnten“. Andere meinen, dass die Nachfrage unweigerlich zu einer Preissteigerung führe und die Produzenten mehr Wasser und Dünger bräuchten, um den Ertrag zu erhöhen. Ausserdem würde die gesamte Anbaufläche des Planeten nicht ausreichen, um den heutigen Erdölbedarf durch Pflanzenöl zu ersetzen.

Dieses Jahr kann die EU noch von der Überproduktion zehren und Millionen Hektar brach liegen zu lassen. Es wäre einfach, diese ungenutzten Flächen unter bestimmten Auflagen wie beispielsweise biologischen Anbau frei zu geben. Bio-Ölsaaten liefern 500 Liter Öl pro Hektar. Die 5 Millionen Hektar, die in Westeuropa brachliegen, könnten jährlich 16 Millionen Barrels Pflanzenöl liefern. Zur Deckung des Bedarfs können auch die neuen EU-Staaten aus Osteuropa einbezogen werden. Besonders Polen und Ungarn verfügen über riesige Anbauflächen, ebenso die Balkanstaaten und Kleinasien. Diese Länder bieten schon jetzt günstiges Öl an und könnten durch das Abernten der wilden Hanffelder die Produktion noch steigern. Yves Cochets Berechnungen entsprechen nicht den wirklichen Verhältnissen, die EU könnte 50 Millionen Barrels Pflanzenöl produzieren und die Jahresproduktion ohne weiteres auf das Doppelte erhöhen. Bei noch mehr Anbaufläche bestünde die Gefahr allzu vieler Monokulturen, mit den bekannten negativen Begleiterscheinungen. Es müsste dafür gesorgt werden, dass möglichst viele und unterschiedliche Arten von Ölsaaten zum Anbau gelangen.

Hanf gehört zu den Pflanzen mit der besten Ökobilanz und liefert vier wichtige Rohstoffe: für technische Anwendungen ideal geeignetes Öl; Presskuchen, die Soja ersetzen könnten; Fasern für Textilien, Bau- und Industriematerialien; Ersatzmaterial für Asbest und Plastik. Pulverisierter Hanf kann PET beigemischt oder zu Bakelitplatten gepresst werden und kann somit die Abhängigkeit der Plastikindustrie von petrochemischen Produkten reduzieren. Es ist an der Zeit, den Streit um die Verwendung von Hanf als Freizeitdroge und als Medikament beizulegen und die robuste und ökologisch wertvolle Hanfpflanze wieder unter dem Gesichtspunkt ihres Nutzens für Landwirtschaft und Industrie anzubauen. Dazu braucht es die Zusammenarbeit aller ökologisch interessierten Kreise.

Der bekannte grüne Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit aus Deutschland muss über die Lage in Deutschland berichten und die europäische Direktive betreffend der Bevorzugung grüner Kraftstoffe propagieren. Die Schweizer Armee fährt bereits mit Rapsöl aus der Ajoie (JU), warum nicht auch die Bevölkerung? Will lange noch will der umweltfreundliche Schweizer Bundesrat Moritz Leuenberger warten, um diese populäre und ökologisch sinnvolle Massnahme vorzuschlagen? Ist es José Bové lieber, wenn faschistische und populistische Kreise das Thema vereinnahmen und auf das Autofahren und einen Steuern fressenden Staat reduzieren? Wäre es nicht besser, wenn er den Bauern dazu verhülfe, die Konsumenten mit günstigem Treibstoff zu versorgen? Wird Yves Cochet sich einsetzen für die Millionen von Arbeitern, die auf das Auto angewiesen sind und das teure Benzin kaum noch bezahlen können? Wird er dafür sorgen, dass die seit 30 Jahren still gelegten öffentlichen Verkehrsmittel in den ländlichen Zonen wieder funktionieren?

Um Landwirtschaft, Industrie und öffentlichen Finanzen nicht ins Ungleichgewicht zu bringen, ist es denkbar, die Verwendung von Pflanzenölen auf die privaten Haushalte zu beschränken. Heizung und Warmwasser sind in unseren Breitengraden kein Luxus, auch weniger wohlhabende Bevölkerungsschichten haben ein Recht darauf! Bei genügender Produktion könnte billiger Biodiesel auch in Zonen ohne öffentliche Verkehrsmittel und an gewisse Berufsgruppen abgegeben werden. So ist es zum Beispiel logisch, dass Bauern ihren eigenen Treibstoff produzieren. Sie, sehr geehrte Damen und Herren, gehören zu jenen, die eine saubere Umwelt wollen - ist es da nicht an der Zeit für konkrete Massnahmen, die unsere Abhängigkeit vom Erdöl verringern, der Landwirtschaft zum Aufschwung verhelfen und den Konsumenten günstigen Treibstoff bieten?

Laurent Appel Hanf-Info

Erscheinungsdatum Donnerstag 22. September 2005 10:12
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