Power vom Bauer
Max Kerschnitzki blickt zum Himmel. Die Sonne lässt in diesem Jahr auf sich warten. Hoffentlich wird die Ernte gut. Doch der Mann ist kein Bauer, sondern Spediteur. Deshalb liegt ihm die Landwirtschaft am Herzen. Eine gute Ernte bedeutet niedrige Spritkosten: Der Spediteur befeuert seine MAN-Flotte mit kaltgepresstem Rapsöl.
Tankstellen lässt Max Kerschnitzki meist links liegen: Zu teuer! Er zahlt keine Mineralölsteuer, auch keine Ökosteuer. Alles ganz legal. Der Spediteur in Polch (bei Koblenz) betreibt seine MAN-Flotte mit kaltgepresstem Rapsöl. Doch um den goldgelben Pflanzensaft für die Trucks schmackhaft zu machen, bedurfte es intensiver Vorarbeit.
Eine Arbeit, die sich rechnet: Ein Liter Rapsöl kostet direkt ab Ölmühle gerade mal eine Mark. Bei einem Flottenverbrauch von rund 220’000 Liter pro Jahr bedeutet das eine Betriebskosten-Ersparnis von gut 150’000 Mark. Dazu kommt eine geradezu sensationelle Umweltbilanz: Das CO2, welches der Diesel bei der Raps-oder Hanfölverbrennung freisetzt, wurde von der Pflanze während des Wachstums aufgenommen.
Rapsöl ist kein Biodiesel
Rapsöl, nicht Biodiesel, ist der Stoff, der Kerschnitzkis Flotte antreibt. Im Gegensatz zum durch einen chemischen Prozess verestertem Biodiesel verwendet der Polcher Spediteur kaltgepresstes Rapsöl direkt von der Ölmühle - nichts anderes als Salatöl. Einziger Unterschied: Das im Motor verfeuerte Rapsöl stammt von landwirtschaftlichen Stilllegungsflächen und ist nicht für den menschlichen Verzehr bestimmt. Daher sind auch 16 Prozent Mehrwertsteuer im Preis enthalten.
Rapsöl hat eine hervorragende Schmierfähigkeit, ist schwe-felfrei und enthält elf Prozent Sauerstoff, was eine fast russfreie Verbrennung ermöglicht. Die biologische Abbaubarkeit im Boden ist hervorragend, der Stoff gefährdet keine Gewässer. Schon der alte Rudolf Diesel hat seinen Motor ursprünglich für die Verwendung von Pflanzen konzipiert. Vielleicht erahnte der Tüftler schon vor 100 Jahren die Endlichkeit der Mineralölre-serven.
Nachteile des Pflanzensaftes sind seine schlechte Zündwil-ligkeit und die hohe Viskosität. In kaltem Zustand ist das Öl zäh wie Himbeersirup. Selfmademan Kerschnitzki rückt dem Problem mit wohldosierter Wärme zu Leibe. Eine Gratwanderung: Zu heisses Öl wirkt leistungsmindernd, zu kaltes Öl belastet die Komponenten der Einspritzanlage über Gebühr.
Zum Warmwerden hilft nur Diesel
Ein Zweitanksystem erwies sich als beste Lösung. Mit her-kömmlichem Dieselkraftstoff wird der MAN auf Betriebstem-peratur gebracht und nach wenigen Kilometern per Kippschalter auf Raps-Sprit umgeschaltet.
Man merkt sofort, wenn die Energie aus der Pflanze den Ti-ger im Tank verdrängt. Als Vegetarier läuft der Motor bedeutend ruhiger. Zudem soll der MAN spürbar besser durchziehen. Satte 800 Liter Rapssaft in den Tanks sorgen für gute Autonomie auch auf langen Strecken.
Max Kerschnitzki lächelt: "Bis wir soweit waren, war es eine Menge Arbeit. Mittlerweile haben wir gut 750’000 Rapskilometer hinter uns! Ohne Probleme!"
Für hohe Zuverlässigkeit bürgt die einfache Konstruktion des Umbaus. Zusätzliche Elektronik oder gar komplizierte Wär-meerzeuger sucht man vergebens. Kerschnitzki nutzt die ohnehin vorhandene Kühlwasserwärme des Motors zur Temperierung des Pflanzenöles aus. Etliche Magnetventile leiten die Ölströme in geregelte Bahnen. Ein zusätzlicher Filter im Rapsöl-kreislauf verhindert Schluckbeschwerden des Motors.
Bei Störung geht’s mit Diesel weiter
Auf eines hat der scharf rechnende Spediteur bei der Kon-struktion geachtet: Bei Störungen, wie einem vereisten Rapsöl-filter, schaltet das System sofort automatisch auf Dieselbetrieb um. Lediglich eine Warnlampe informiert den Fahrer dann von dem Problem. Für diesen Fall wird immer ausreichend Diesel mitgeführt.
Für den Fahrer ändert sich wenig. Lediglich bei Pausen, die länger als eine Stunde dauern, wird einige Kilometer vor Er-reichen des Zielorts auf Diesel umgeschaltet. Damit wird die Einspritzpumpe gespült und der Motor springt stets sicher an. Eine motivierende Schulung der Fahrer zu Beginn des Rapsölbetriebs räumte letzte Zweifel aus.
Aussergewöhnlich auch der Tankvorgang: Per Stapler wird eine 1000-Liter-Chemiepalette anderthalb Meter in die Höhe gehoben. Durch einen simplen Schlauch gluckert der goldgelbe Pflanzensaft in den Tank. Wenn mal ein Spritzer daneben geht, kein Problem. Raps- und Hanföl sind nicht wassergefährdend und unterliegen keinerlei Gefahrgutvorschriften.
Umweltfreundlichkeit zeigt sich auch beim Abgastest: Die Messstreifen weisen bei Dieselbetrieb einen K-Wert (Gesamt-abgaswert) von 0,41. Nach Umschalten auf Rapsöl ergibt sich ein K-Wert von unglaublichen 0,02.
Mehr Power auf der Leistungsrolle
Auf dem Leistungsprüfstand der MAN-Niederlassung in Koblenz staunte sogar Tüftler Kerschnitzki: "Die Leistung an den Rädern stieg von 240 kW auf 249 kW. Wir führen das auf die bessere Schmierwirkung des Rapsöls zurück!"
Tatsächlich wird die Mehrpower bei der Schleppleistung er-zielt. Das ist die Kraft, die nötig ist, den Wagen selbst zu bewe-gen. Offenbar spielt verminderte Reibung im Motor eine grosse Rolle. Lediglich der Verbrauch steigt um rund einen Liter an. Doch das kann auch am flinkeren Gasfuss durch den laufruhigeren Motor liegen. Auch Verschleiss ist kein Thema. Ein umfangreicher Check an einer Fachhochschule verlief ebenso ohne Befund wie eine Ölanalyse: Nach 50’000 heruntergespulten Kilometern konnten keinerlei Rapsölrückstände im Schmier-stoff festgestellt werden.
Für den Spediteur der Startschuss zum nächsten Schritt: Er will den Rapsölumbau ab sofort auch für seine Kollegen anbie-ten. Für rund 8000 Mark wird jeder geeignete Lkw zum Vegetarier. Eine Investition, die sich bereits nach rund 12’000 Litern verbrauchtem Rapsöl bezahlt macht.
Garantie im Eimer
"Die Werksgarantie auf den Motor ist mit unserem Rapsöl-betrieb natürlich futsch", erklärt bedauernd Spediteur Kersch-nitzki. Nicht verwunderlich: Eine Rückfrage der TRUCKER-Re-daktion bei den MAN-Motorenherstellern in Nürnberg ergab, dass man sich zwar mit Biodiesel, aber mit dieser ökologischen Treibstoffvariante noch nicht wirklich beschäftigt hatte. Vor allem nicht mit dem alternierenden Betrieb mit Diesel und kaltge-presstem Rapsöl. So gesehen dürfte die vegetarische Wechsel-kost des Polcher Spediteurs in der Branche noch eine Menge Schaum schlagen.











