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Prehl bei Murten: Alternatives Expo-Projekt

2002/06/24 - Bieler Tagblatt
"Alles kommt aus einer Pflanze"

Plastik, Banknoten, Medikamente, Diesel, Tierfutter, dies und vieles andere lässt sich aus einer Pflanze herstellen: Hanf. Dass man diesen auch rauchen kann, ist für André Fürst von Hanf-Info Nebensache.

Ein altes Bauernhaus, eine umgebaute Scheune, ein Laufgitter für Hasen, Johannisbeersträucher, eine Schweizerfahne im Blumentopf. Das einzig Ungewohnte in diesem Idyll ist der Aufdruck im Schweizer Kreuz: ein grasgrünes Cannabisblatt. Das Hanf-Info-Center in Prehl ist aber kein Mekka des Graumarktes, sondern in erster Linie eine Forschungsanstalt und ein Informationszentrum, wie Inhaber André Fürst betont. Vom Boom der Hanfläden hält André Fürst nämlich gar nichts, im Gegenteil. Er, der selber in Biel einen Laden führt, begrüsst den restriktiven Kurs, den der Bieler Regierungsstatthalter Philippe Garbani eingeschlagen hat. "Der Verkauf von Hanf muss durch die Behörden kontrolliert werden und darf nur an Schweizer ab 18 Jahren erfolgen. Ausserdem brauche es einen Fähigkeitsausweis". Besonders ärgert sich Fürst über jene Hanfproduzenten, die hors-sol, mit Dünger und Kunstlicht, Pflanzen mit hoher Rauschwirkung züchten. Damit sei der Gesellschaft nicht gedient, findet Fürst. "Alle reden vom Kiffen, aber davon kann man nicht leben. Man kann den Hanf auch sinnvoller nutzen." Auf die Frage, ob er denn das Kiffen legalisieren wolle, antwortet Fürst: "Das organisierte Verbrechen macht pro Jahr einen Umsatz von zwei Milliarden Franken. Ich bin der Ansicht, es ist nicht sinnvoll, derart viel Geld der Drogenmafia zu überlassen."
Dass Cannabis aber nicht nur bei Rheumaschmerzen und bei Schlafstörungen angezeigt sein kann, zeigte am vergangenen Wochenende eine Fachtagung mit Medizinern aus aller Welt, die sich unter anderem mit der Wirkung von Cannabinoiden bei Herz-Kreislauf-Krankheiten und in der Chirurgie auseinander setzen. Das Öl der Hanfpflanze enthalte mehrfach ungesättigte Fettsäuren und beschleunige die Wundheilung. "Man hat sogar körpereigene Cannabinoide entdeckt", erzählt André Fürst, "diese stimulieren beispielsweise in der Muttermilch das Hungergefühl des Babys".

Medikament und Baustoff
"Von 66 Cannabinoiden sind nur gerade drei rauschwirksam", doziert André Fürst weiter. Je nach Standort produziere die Pflanze verschiedene Wirkstoffe. Aber im Grunde genommen wisse man noch viel zu wenig, deshalb sei die Forschung ein zentrales Anliegen, betont Fürst. Zu diesem Zwecke wachsen um den Bauernhof fünf Hektaren Cannabispflanzen - "legal und bewacht", wie André Fürst beifügt - drei Hektaren Medizinalhanf und zwei Hektaren Industriehanf. Aus den hochaufgeschossenen Stängeln des letzteren werden die Fasern gewonnen, aus denen nachher Seile und Textilien hergestellt werden. Das Innere des verholzten Stängels wird geschreddert. "Dieser Verputz", weist Fürst auf die frischgestrichenen Wände des grosszügigen Informations- und Verkaufslokals, "ist mit dem geschredderten Hanf hergestellt". Die Demonstrationsbungalows im Garten sind mit einer Mischung aus Gips und Hanfstroh isoliert. Die Scheune ist teilweise mit Platten aus gepresstem Hanfstroh renoviert.
"Wenige Leute wissen zum Beispiel, dass ihnen täglich Hanf durch die Hände geht", erzählt Fürst. Eine Firma in Frankreich produziere eine Hanfpampe, aus der das Papier für Noten einiger Währungen hergestellt werde. Darunter auch der Dollar und der Schweizer Franken. "Unser Ziel ist es, aufzuzeigen, wie ökologisch und vielfältig die Pflanze genutzt werden kann", sagt André Fürst. Es sei schade, dass die Vorteile einer so reichen Pflanze aufgrund von Vorurteilen nicht genutzt werden könnten. "Allein an Hanfsamen ernten wir pro Jahr mehrere Tonnen", so André Fürst. Aus den schönsten und reinsten Samen werde Kosmetika- und Speiseöl gepresst. "Aus dem Ausschuss machen wir Diesel, der unseren Traktor betreibt". Zurzeit experimentiere man mit verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten des bei der Ölgewinnung anfallenden Presskuchens. "Die Schweine waren begeistert", lacht Fürst, doch leider ist der Kuchen zu eiweiss - und fetthaltig und lässt die Schweine zu schnell zunehmen. Aber für Hühner und Rinder sei der garantiert BSE-freie Presskuchen ausgezeichnet. Vor zwei Jahren begann Fürst mit der Renovation des alten Bauernhauses. Jetzt, zu Zeiten der Expo, ist das Infozentrum voll ausgebaut. "Zufälligerweise ist das Thema der Arteplage Murten die Landwirtschaft, das trifft sich gut", findet André Fürst. Vor acht Jahren habe ein Berner Hanf-Projekt aber von der Expo eine Absage bekommen, deshalb habe man es jetzt gar nicht erst versucht. Man habe auf dem Hof die besseren Darstellungsmöglichkeiten. Ende Juni wird auf der Arteplage Biel ein Film über alternative Expo-Projekte, darunter auch Hanf-Info, ausgestrahlt.

Artikel modifiziert Mittwoch 22. Oktober 2003 16:45, Erscheinungsdatum Montag 24. Juni 2002 00:00

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