Razzien auf Hanfläden gefährden die öffentliche Gesundheit!
Leider haben einige Staatsanwälte und Polizeipräfekte die Ablehnung der BetmG-Revision durch den Nationalrat als Aufforderung zu verstärkter Prohibition verstanden. Das alte Gesetz wird wieder sehr eng ausgelegt, mit grossen kantonalen Unterschieden. Dies hat dazu geführt, dass auch Hanfläden, die sich schon lange an die vom Bund vorgesehen Regeln hielten, mit Strafuntersuchungen rechnen müssen und in vielen Fällen geschlossen werden. Die meisten dieser Geschäfte befolgen eine liberale Auslegung des bestehenden Gesetzes, sie stellen weder eine Ruhestörung dar noch gefährden sie die öffentliche Gesundheit, im Gegenteil. Durch ihre Schliessung sind die Hanfkonsumenten wieder den Gefahren des Schwarzmarktes ausgeliefert. Ist den eingangs angesprochenen Damen und Herren klar, dass durch die aktuelle Lage ein weit grösserer Schaden entsteht als derjenige, den sie mit ihren Massnahmen zu verhüten versuchen? Muss nicht zugegeben werden, dass die Prohibition seit dreissig Jahren nichts als Misserfolge gezeitigt hat und weder Volksgesundheit, Jugendschutz noch Sittlichkeit verbessert hat?
Die SFA (Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und Drogenprävention) und die Drogenstrategie der EU haben dem längst Rechnung getragen und erkannt, dass Dialog und objektive Information bei weitem effektiver sind als Stigmatisierung und Repression der Konsumenten. Studien belegen die Unwirksamkeit der gesetzlichen Verfolgung des Cannabiskonsums. Der Konsum ist nicht grösser, wenn er nicht mehr verboten ist, umgekehrt wird wegen des Verbots nicht weniger konsumiert (Reuband 2001, Kilmer 2002, Earlywine 2004). Andere Untersuchungen, so diejenige der INSERM aus dem Jahre 2001 fanden gefährliche Streckmittel und Verunreinigungen in Cannabis vom Schwarzmarkt. Es dürfte jedem vernünftigen Menschen klar sein, dass Strassendealer nicht nach Alter und Nationalität fragen und hauptsächlich daran interessiert sind, dem Kunden teure und problematische Produkte wie Kokain anzudrehen. Allein dies sollte Anlass genug sein, ein Reglementierungsmodell für ein so weit verbreitetes Konsumgut wie Cannabis einzuführen.
Warum also diese Repressionswelle? Angeblich sollen Jugendliche davon abgehalten werden, in der Schule und im Zug zu konsumieren, der Drogentourismus soll eingedämmt werden, die Hanfkartelle sollen zerschlagen werden, Wildwestszenarien um die Hanffelder sollen aufhören, der Hanf enthält neuerdings zu viel THC und dieser „neue“ Hanf ist gefährlich...Zweifellos summiert sich all dies zu einem Problem, das so bald als möglich angegangen werden muss - wobei allerdings eine rein repressive Lösung mit Sicherheit zu simpel und zu ineffizient ist.
Von den neueren wissenschaftlichen Studien (Roques, kanadischer Senat, ISPA usw.) hat keine einzige den Cannabis in eine so hohe Toxizitätsklasse eingestuft wie Alkohol, Tabak, Benzodiazepine, Opiate oder Kokain. Aber auch wissenschaftliche Untersuchungen halten gewisse Anhänger der Prohibition nicht davon ab, weiterhin falsche Behauptungen über Cannabis zu verbreiten, denen leider noch immer Glauben geschenkt wird. Sehr oft werden diese Lügen von Scientologen und populistischen Politikern in die Welt gesetzt. Gentechnisch veränderter Cannabis soll so stark sein wie Heroin. Die Schrittmacher-Theorie, obwohl schon längst widerlegt, geistert immer mal wieder durch die Medien. Weitere angebliche Probleme wie amotivationales Syndrom, akute Schizophrenie, Selbstmordtendenzen, Asozialität, Entzugssymptome und Unfruchtbarkeit finden sich schlimmstenfalls als leichte Symptome, die nur eine verschwindende Minderheit der Konsumenten betreffen. Für Letztere sind medizinisch-soziale Einrichtungen auf jeden Fall geeigneter als Polizei und Justiz.
In Portugal ist der Konsum jeglicher Drogen straflos. Seit der Entkriminalisierung wurde keine Zunahme des Konsums registriert, es gibt eher eine vermehrte Nachfrage nach Fürsorgemassnahmen. Indem man dem Konsumenten bürgerliche Rechtschaffenheit zubilligt, wird auch das Vertrauen in therapeutische Einrichtungen gestärkt, denn Rechte schaffen Pflichten. Ein Verbot hingegen muss ständig übertreten werden.
Laut der SFA-Publikation Cannabis, Stand Schweiz 2004, „ist nach aktuellem Stand der Wissenschaft keine einzige langfristige Wirkung auf die Gesundheit bekannt, die auf einen hohen THC-Gehalt in Cannabis zurückzuführen wäre“. Ebenso wenig kann die Toxizität des Hanfs mit derjenigen der Opiate verglichen werden, vom pharmakologischen Standpunkt wäre Letzteres sowieso ein Unsinn. Hingegen kommt die SFA zu folgenden interessanten Schlussfolgerungen: „Die Erhöhung der THC-Konzentration in den Cannabis-Präparaten führt nicht notwendigerweise zu grösseren gesundheitlichen Risiken. Erfahrene Konsumenten, die regelmässig rauchen, müssen weniger konsumieren, um die gewünschte berauschende Wirkung zu erzielen. Stärkerer Cannabis reduziert somit eine eventuelle schädliche Wirkung auf die Atemwege“. Weiter „kann ein hoher THC-Gehalt bei unerfahrenen Konsumenten unangenehme Wirkungen wie Übelkeit und Angstzustände auslösen und sie vom weiteren Konsum abhalten“.
Die Repression wird die Nachfrage nicht stoppen, sie wird lediglich den Handel in den Untergrund drängen. Cannabis fällt ja nicht vom Himmel, der Markt organisiert sich zwischen der versteckten einheimischen Produktion und kriminellen oder terroristischen Organisationen, die den Import kontrollieren. Die „indoor“-Kultur ist eine Folge der Prohibition und entspricht in ihren Anbaubedingungen in keinster Weise den Kriterien biologischen und ökologisch sinnvollen Anbaus. Der Konsument ist einem Produkt ungewisser Herkunft und Qualität ausgeliert, sein Geld kommt nicht der Gesellschaft zugute. Es stellt sich die Frage, wie weit wir unsere Gesellschaft zerstören wollen mit unrealistischen Forderungen nach Abstinenz, „Nulltoleranz“ und „Jugend ohne Drogen“. Nach den Erkenntnissen der SFA „müssen Drogen-Erziehungsprogramme auf praktisch umsetzbaren Prinzipien beruhen und nicht auf ideologischen Zwängen“.
Die Mehrheit der Konsumenten will objektive Informationen über gesunde Produkte. Der Konsum ist leichter zu handhaben, wenn das Angebot aus verschiedensten Produkten besteht und von fachkundigem Rat begleitet ist. Warum denn immer rauchen, wo doch auch versprüht oder gegessen werden kann? Weil man die Technik nicht kennt! Warum schon am Morgen THC-reichen Hanf einnehmen? Weil nichts anderes zur Verfügung steht! Warum gerät man nach einem Joint in Panik? Weil man den THC-Gehalt nicht kennt! Warum muss man sich mit Pestiziden, Insektiziden, Paraffin, Schmieröl und Kamelmist vergiften? Weil die Schwarzmarkt-Produkte voll von diesem Dreck sind! In der Grauzone können keine hygienischen Produkte garantiert werden. Nur in kontrollierten Rahmenbedingungen können Tests und Qualitätskontrollen vorgenommen werden, die hunderttausenden von Konsumenten einwandfreie Ware und korrekte Produktinformation zugänglich machen. Die Jugendlichen rauchen zu viel, zu früh und überall. Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Frankreich, England und der Tschechoslowakei, obwohl es in diesen Ländern keine Hanfläden gibt. In den Niederlanden gibt es seit zwanzig Jahren Coffeeshops, trotzdem wird unter den jungen Holländern weniger Cannabis konsumiert als anderswo in Europa. In Schweden ist die Angst vor der Psychiatrie und der sozialen Kontrolle so gross, dass die jungen Leute sich nicht trauen, ihren Cannabiskonsum zuzugeben. Es ist dringend nötig, sich mit den wahren Gründen dieses frühen Cannabiskonsums auseinander zu setzen. Letzterer ist nur das Symptom einer tiefer sitzenden Malaise unter den Jugendlichen. Eine Studie von Isenring und Killias (2004) zeigt, dass die Hanfläden nur zu einem kleinen Teil dafür verantwortlich sind: gerade mal 2.5% der inkriminierten Fälle betreffen Verkauf von Cannabisprodukten an Minderjährige! Das ist sehr wenig, wenn man bedenkt, wie schlau Jugendliche bei der Erreichung ihrer Ziele vorgehen.
Die zunehmende soziale Akzeptanz des Konsums hat dazu geführt, dass erwachsene und militante Hanfkonsumenten immer ungenierter öffentlich konsumieren, ähnlich wie bei Tabak und Alkohol. Übertreibung und Provokation gehören zum Wesen der Jugend. Leider ist die schwer errungene Cannabistoleranz zu einer geschmacklosen Zurschaustellung ausgeartet. Die öffentliche Meinung wünscht durchaus das Ende der Repression. Was sie aber nicht will, ist das Überhandnehmen eines Phänomens im öffentlichen Raum und schlechte Beispiele für die Jugend. Bei einer Umfrage der SFA im Jahr 2000 waren von den 1600 befragten Schweizern 54% gegen die Prohibition. Die seit einiger Zeit stattfindende Medienkampagne um den Hanfmissbrauch hat diesen Prozentsatz vermutlich um einiges geschmälert.
Demagogische Politiker benutzen dieses Missverständnis und die für eine überalterte Gesellschaft typische Angst vor der Jugend für ihre eigenen Zwecke. Abweichler niederknüppeln, kleine Dealer in Gefängnis! So herrscht Ruhe im Lande! Wie einfach ist es, vom Krieg zu reden, wenn man nicht auf dem Schlachtfeld steht! Eigentlich dürfte man von den lokalen Verantwortlichen mehr pragmatischen Sinn und ebensolches Handeln erwarten.
Nein, die Schliessung der Hanfläden wird die Gesellschaft nicht vor weiterem Übel bewahren. Der Hanfkonsum kann nur in geregelte, risikoarme und gesellschaftskonforme Bahnen gelenkt werden, wenn gut ausgebildete und kontrollierte Produzenten, verantwortungsbewusstes Personal an den Abgabestellen und kompetente Präventions- und Fürsorgeeinrichtungen zur Verfügung stehen. Der öffentliche Konsum muss streng reguliert werden. Die Repression begünstigt undurchsichtige, mafia-ähnliche und unmoralische Zustände. Hanfkonsumenten sind nicht Bürger zweiter Klasse - der Staat sollte sie beschützen und nicht verfolgen! Diese Bürger müssen wieder Vertrauen fassen können, dann werden sie ihre Angst nicht mehr mit übermässigem Hanfkonsum betäuben müssen. Lösungen sind möglich - zusammen können wir sie finden!
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