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Repression führt im Cannabis-Geschäft zu mehr Gewalt

Die Zeit, als Cannabis in der Schweiz für rauchende Köpfe und rote Augen sorgte, ist vorbei. Doch obwohl Cannabis mehrheitlich aus den Schlagzeilen verschwunden ist, bleibt das Kraut die Volksdroge Nr.1 und der Handel ein Milliardengeschäft.

www.aargauerzeitung.ch 27.03.2012 von Benno Tuchschmid

Praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit hat sich im Schweizer Handel ein gefährlicher Wandel vollzogen: Das Geschäft mit dem Kraut gerät zunehmend in die Hände von Kriminellen, die auch im Heroin- und Kokain-Markt tätig sind. Das geht aus einem Lagerbericht der Bundespolizei Fedpol vom September 2011 hervor.

Auch verschiedene Polizeikorps bestätigen den Trend. «Wir stellen fest, dass in den letzten Jahren zunehmend Ausländergruppierungen in den Cannabis-Markt eingestiegen sind, während früher vor allem Schweizer aktiv waren», sagt Marco Cortesi, Sprecher der Stadtpolizei Zürich. Auch die Kantonspolizei Bern stellt Verlagerungen hin zu ausländischen Gruppierungen fest, die vorher vor allem im Kokain- und Heroin-Handel tätig waren.

Im Lagebericht der Fedpol heisst es, dass albanische Gruppen in der Finanzierung oder im Betrieb von Cannabis Indoor-Anlagen in der Schweiz in Erscheinung getreten sind. Albanische Gruppen waren bisher vor allem dafür bekannt, den Heroin-Markt zu kontrollieren. Gemäss Fedpol-Bericht sind aber zunehmend auch westafrikanische Netzwerke im Cannabis-Geschäft, die den Kokain-Handel beherrschen. Gemäss übereinstimmenden Berichten internationaler Organisationen benutzen Kriminelle Kokain-Schmuggel-Routen verstärkt auch für den Transport von Haschisch und Marihuana.

Das ist auch beim Zoll spürbar. Zwar schwanken die von der Zollverwaltung sichergestellten Mengen grundsätzlich stark. Trotzdem fällt auf: 2011 sicherten die Zollbehörden 410 Kilogramm Marihuana und Haschisch (Marktwert zwischen 1,7 und 2,8 Millionen Franken) – so viel wie seit 2007 nicht mehr.

Hohe Margen, geringe Strafen

Dass Cannabis zunehmend auch für die organisierte Kriminalität interessant wird, hat zwei offensichtliche Gründe: hohe Margen und geringe Strafen. Während die Kokain- und Heroin-Preise seit den 90er-Jahren richtiggehend zusammengebrochen (siehe unten) sind, zahlt der Cannabis-Konsument heute mehr als noch vor 10 Jahren (8 bis 15 Franken pro Gramm). Zur Freude der Grosshändler. Das Risiko bleibt für die Produzenten gering. Auch wenn Händler mit mehreren Kilo Cannabis erwischt werden, kommen sie unter Umständen mit einer Busse weg.

Der Polizei stehen im Kampf gegen Cannabis-Händler weniger Mittel zur Verfügung als bei härteren Drogen: Ein bewährtes Instrument der Polizei bei Drogendelikten sind Telefonüberwachungen. Doch diese werden gemäss Insidern kaum bewilligt, wenn es um den Handel mit Cannabis geht.

Doch hinter der Entwicklung im Cannabis-Markt steckt auch noch ein dritter, etwas weniger offensichtlicher Grund: die verstärkte Repression. Bis 2004 war die rechtliche Situation beim Cannabis unsicher. Viele rechneten mit einer baldigen Legalisierung – auch die Polizei. Das hatte zur Folge, dass in der ganzen Schweiz Hunderte von Hanflädeli offen Cannabis verkauften. Doch die Politik schwenkte um und die Polizei schlug zurück.

Bereits 2006 gab es keine offenen Verkaufsstellen und Plantagen mehr. Gemäss Bernd Werse, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centre for Drug Research an der Frankfurter Universität, könnte dies zu einer kriminellen Professionalisierung der Cannabis-Produktion geführt haben. «In Holland beobachteten wir ein ähnliches Phänomen. Seit die Strafverfolgung bezüglich Anbau dort intensiviert wurde, konzentriert sich die Produktion verstärkt in kriminellen Organisationen», sagt Werse.

Brutale Gewalt im Milieu

Die organisierte Kriminalität bringt auch ihre brutalen Umgangsformen in den Cannabis-Markt mit: Die Gewalt nimmt zu. Corinne Müller, Sprecherin der Kantonspolizei Bern, sagt: «Die Gewaltbereitschaft im Umfeld des illegalen Handels mit Cannabis-Produkten – auch mit Schusswaffen – ist offensichtlich». Auch die Stadtpolizei Zürich bestätigt eine Zunahme der Gewalt. Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer. Taten werden selten angezeigt.

Doch bei Razzien findet die Polizei immer wieder Plantagen, die mit grossem Aufwand gegen Einbruch geschützt sind: Alarmanlagen, Panzertüren, versteckte Räume. Auch Waffenfunde sind keine Seltenheit. Die Zunahme der Gewalt ist aber auch ein Hinweis darauf, dass in der Schweiz vermehrt Grossproduzenten operieren. Drogenexperte Bernd Werse sagt: «Wir beobachten in unseren Studien, dass Schusswaffen und Bedrohungen umso eher auftauchen, je höher die umgesetzten Mengen sind.»

Auch wenn der Cannabis-Markt nach wie vor sehr heterogen ist und es auch viele Produzenten gibt, die geringe Mengen für den Eigenkonsum anbauen: Organisierte Kriminelle machen sich im Cannabis-Handel breit. Eine Entwicklung, die auch dem Fedpol Sorgen bereitet: «Der Cannabis-Markt Schweiz ist ein klassisches Beispiel dafür, wie die Bekämpfung von Konsum und Handel zur unerwünschten Wirkung eines steigenden kriminellen Profits führen kann.» Mit anderen Worten: Von der verstärkten Repression hat vor allem eine Gruppe profitiert: das organisierte Verbrechen.

Erscheinungsdatum Montag 2. April 2012 23:33

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