Stoffe aus Hanf
Jahrzehntelang ist die Hanfpflanze fast ausschliesslich mit Marihuana und damit mit dem Drogenkonsum in Verbindung gebracht und damit verketzert worden. Erst in den 90er Jahren kam Hanf als ökologischer, nachwachsender Rohstoff zu neuem Ansehen. Die Nutzungsmöglichkeiten von Hanf sind fast unbegrenzt: Die Produktpalette reicht von Nahrungsmitteln über Kleidung, Kosmetik, Baumaterialien, Seilerwaren, Farben und Lacke bis zu Arzneimitteln.
Jahrtausende lang war der Hanf Lieferant für Fasern, Nahrungsmittel, Medizin und Drogen. Seine vielseitige Verwendbarkeit macht ihn zu einer der wichtigsten Kulturpflanzen der Menschheit.
Nachwachsender Rohstoff vom Acker
In der Beschreibung eines Handelschiffes aus dem 19. Jahrhundert wird das Gewicht der Ausrüstungsteile aus Hanf (Segel, Banner, Flaggen, Taue, Dichtungsmaterial, Logbücher, Bibel, Kleider der Seeleute) mit 70 Tonnen angegeben. Umgerechnet auf die ganze Seefahrt ergab das - vor allem in der hohen Zeit der Segelschiffe im 17. Jahrhundert - einen enormen Bedarf an Hanf. Dazu kam noch, was Landwirtschaft, Gewerbe, Haushalte, aber auch die Armeen benötigten. Hanf war gefragt, die Bauern wurden angehalten, Hanf in immer grösseren Mengen anzubauen.
Papier ist für uns etwas Selbstverständliches. Die Technik zur Herstellung von Hanfpapier wurde in China entwickelt. Erst nach Jahrhunderten gelangte dieses Wissen nach Europa, Papiermühlen und Druckereien entstanden. Der Bedarf an Papier nahm ständig zu. Mit dem Ruf: "Hadern, Lumpen!" zogen Lumpensammler durch Städte und Dörfer auf der Suche nach den begehrten Hanfhadern (-Lappen), die es zur Papierherstellung brauchte. Hanfpapier ist säurefrei und dauerhaft. Unser gegenwärtiges Papier aus Holzzellulose zerfällt nach einiger Zeit.
Auch umweltfreundliche Bau- und Kunststoffe mit sehr guten Eigenschaften lassen sich aus Hanf herstellen. Schäben (der gebrochene Holzkern der Hanfstängel) findet man in Leichtbausteinen, Spanplatten, mit Kalk gemischt in Mauern, Böden und Verputz. Aus Hanffasern entstehen Dämmvliese, Innenverputz und Beschichtungen. In Entwicklung sind Kunststoffe und Fasergipsplatten.
Hanf in der Hand der Bäuerin
Anbau von Faserpflanzen und Weben von Stoffen gehörten in vielen Kulturen zum Aufgabenbereich der Frauen. Ein grosser Schatz an Wissen und Erfahrung häufte sich über viele Generationen an. Die textilen Kostbarkeiten vom eigenen Acker entschädigten die Bauersfrauen für Arbeit und Mühe und erfüllten sie mit Stolz. Das Saatgut wurde auch entsprechend sorgfältig gepflegt. Man erinnert sich noch an ältere Bäuerinnen, die ihre Hanfsamenernte auf den Stubentisch schütteten, um stundenlang geduldig die besten Körner für die nächste Aussaat herauszulesen.
Mit der Zeit verlor jedoch der arbeitsintensive Ackerbau an Bedeutung, Milchwirtschaft war gefragt und einträglicher. Die Handspindeln, mit denen sich die feinsten Fäden spinnen liessen, wurden von den schnelleren Tretspinnrädern abgelöst. Mit dem Entstehen von Spinnereien übernahmen bald Maschinen die gesamte Garnproduktion. Die Fertigkeit des Handspinnens verkümmerte zusehends. Die Hanfgewebe wurden gröber.
Vom Anbau zur Ernte
Hanf gedeiht auf vielen Böden. Am besten wächst er in gemässigten Klimazonen. Er verträgt mehr Schatten als Flachs, und die Erträge sind auch deutlich höher. Hanfäcker lagen häufig ausserhalb der Dörfer, oft in der Nähe eines Baches. Im April wurde der Aussaattag bestimmt; an die Taubenhalter ging der Befehl, die Tauben zwei Wochen lang in den Verschlägen zu halten. Offenbar konnten Tauben in erstaunlich kurzer Zeit Hanfäcker auffinden und leer picken.
Nach der Aussaat konnte man die Hanffelder sich selber überlassen. Hanf lässt kein Unkraut aufkommen, da er sehr schnell wächst; er schützt sich weitgehend selber vor Schädlingen und Krankheiten. Die Blüten sind eine gute Bienenweide. Haben sich die Stängel der männlichen Pflanze hellgelb gefärbt, so sind sie reif, sie werden gerauft (ausgerissen) und zu Garben gebunden. Etwa 14 Tage später erntet man die weiblichen Exemplare. Nun werden die Garben für ungefähr 10 Tage in wassergefüllte Gruben, die so genannten Hanfrosen (Hanfroozzen) zum Rösten oder Rotten gelegt.
Verarbeitung der Hanffasern
Die Gewinnung der langen Ständelfasern entspricht der des Flachses. Vor dem Spinnen pochte oder bläute (zerquetschte) man die Hanffaserzöpfe von Hand oder mit mechanischen Pochhämmern. Dadurch wurden die Fasern biegsam und weich. Wer bei dieser Arbeit nicht aufpasste, bekam die Finger gründlich gebläut! Ausserdem entstand so viel Staub, dass die Arbeitenden Nase, Mund und Kleider mit Tüchern schützen mussten. Nach dieser Prozedur konnte der Hanf in gleicher Weise wie Flachs versponnen werden. Die feineren Fasern der männlichen Pflanzen wurden zu Webgarnen und Nähzwirnen, die gröberen Fasern der weiblichen Pflanzen eigneten sich für Blachen, Getreidesäcke oder Seile.
Ein anderes Landschaftsbild
Hanf- und Flachsfelder gehörten bis anfangs des 20. Jahrhunderts ins Landschaftsbild der Schweiz. In alten Güterverzeichnissen und Katasterplänen finden sich Hinweise auf ehemalige Hanfpünten oder -äcker. Flur- und Quartiernamen wie Haufland, Hanfländi erinnern an Hanfäcker oder -gärten, der Hausname (Zur) Hanfrose an eine nahe gelegene Röst- oder Rottgrube.
Leinen?
Die Bezeichnungen Leinen, Leinwand oder Zwilch wurden sowohl für Flachs- wie für Hanfgewebe verwendet. Nur geübte Augen konnten sie zweifelsfrei unterscheiden. Flachs galt als edler und vornehmer, Hanf war das Leinen der kleinen Leute.
Der Unverwüstliche
In früheren Zeiten trugen kleine Buben bis zu drei oder vier Jahren ein rockähnliches Kittelchen. Danach steckte man sie in viel zu grosse, dunkelblau gefärbte Hanfhosen mit Hosenträgern. Diese Hosen wurden jahraus, jahrein getragen, bis sie nicht mehr passten. Die blaue Farbe war nur noch in den Nahtvertiefungen zu erkennen, der Hosenboden fast durchgescheuert, aber die Hose hatte allen Strapazen standgehalten.
Auch die ersten Jeans waren aus Hanf. Eine Anekdote erzählt, dass Levi Strauss, der von Bayern nach Amerika ausgewandert war, auf der Strasse nach San Francisco einen Goldgräber traf, der ihn fragte, was er denn zu verkaufen habe. "Zeltstoff", antwortete Levi Strauss. "Ein Zelt brauche ich nicht", meinte der Goldgräber, "aber Hosen, die etwas aushalten". Schnurstracks ging Levi Strauss mit dem Goldgräber zu einem Schneider und liess aus dem Hanf-Zeltstoff eine Hose anfertigen - das ideale, unverwüstliche Kleidungsstück für einen, der bei seiner Arbeit oft tagelang knietief im Wasser steht.
Der Verdrängte
Nachdem es gelang, Baumwolle von der Ernte bis zur Faser maschinell und billig zu verarbeiten, wurden Flachs und Hanf vom Markt verdrängt. 1949 versuchte man an der Olma erfolglos, den Hanfanbau in der Schweiz neu zu beleben.
1951 trat das überarbeitete Betäubungsmittelgesetz in Kraft. Das schweizerische Gesetz entsprach amerikanischen Wünschen, Hanf als Konkurrent der Baumwoll- und der Erdöl verarbeitenden Industrie (synthetische Fasern) auszuschalten. In den USA wurde der Hanfanbau bereits 1937 stark eingeschränkt, und seit den 70er Jahren stellt ein Bundesgesetz Nutzhanf und Marihuana gleich; die Auflagen für den Anbau sind so streng, dass eine kommerzielle Nutzung unmöglich wird.
In den letzten Jahren ist die Verketzerung des Hanfs als gefährliche Droge immer mehr von einer neutraleren Sichtweise abgelöst worden. Wie ein Phönix aus der Asche ist der Hanf auch in der Schweiz wieder auferstanden - im Moment allerdings noch als Nischenprodukt. Es ist unsicher, ob es gelingen wird, die hervorragenden Eigenschaften dieser unglaublich vielseitigen Pflanze wieder in grösserem Masstab zu nutzen - aber die Ansätze dazu sind vielversprechend.









