Wenn ein Bundesrat zum Joint greift
Stefan Rohrbach
Der konservative Bundesrat Alois Mumentaler (Hanspeter Müller-Drossaart) ist ein mürrischer, unfreundlicher und von den Verpflichtungen seines Amtes völlig in Anspruch genommener Berufspolitiker. Kein Wunder, dass sich seine Frau, eine Romande mit eigenem Reitstall, von ihm scheiden lassen will. Auch in seiner Partei stehen die Dinge nicht zum Besten: Für die ehrgeizige Präsidentin (Lilian Steffen) passt das biedere Erscheinungsbild des 54-Jährigen nicht zum neuen Partei-Image.
Cannabis als Medikament
Noch schwieriger wird Mumentalers Situation, als bei ihm Grüner Star diagnostiziert wird. Für die Operation muss zwingend der Augendruck gesenkt werden. Da der Patient das dafür notwendige Medikament nicht verträgt, steht er vor der Wahl: erblinden oder heimlich Cannabis konsumieren, welches den gleichen Effekt hat. Aber eben auch Nebenwirkungen... Das Hasch beschafft sich der Bundesrat beim 16-jährigen Kiffer Remo (Joel Basman). Dieser findet Mumentalers repressive Drogenpolitik das Letzte. Aber er benutzt den hohen Politiker gerne als Geldquelle und als einflussreiche Beziehung.
Beim Dealen kommen sich die beiden völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten unerwartet näher, «dampfen» auch mal eins zusammen. Sie tauschen sich aus und beraten einander bei ihren Problemen. Remo hat vor allem Mühe, eine Lehrstelle zu finden und bei der hübschen Sabrina, einer Anti-Kifferin, zu landen. Der Cannabis-Konsum verändert die Persönlichkeit Mumentalers: Er wird locker und witzig, und er besinnt sich auf seine Liebe zum Jazz. So wird er gar zum populärsten Bundesrat. Doch als er eine Kehrtwende in der Drogenpolitik ankündigt, wird er für seine Partei untragbar. Die Präsidentin macht sich daran, den Fraktionschef (Jean-Pierre Cornu), einen guten Freund Mumentalers, auf ihre Seite zu ziehen.
Regisseur Niklaus Hilber, welcher zusammen mit Paul Steinmann auch das Drehbuch schrieb, hat diese Geschichte als brave Komödie inszeniert, die durchaus unterhaltend ist. Man hätte sich den Stoff aber auch als bissige Satire vorstellen können. Wies gemacht wird, zeigen gleich zwei andere Filme, die gegenwärtig in Biel zu sehen sind: «Thank You for Smoking», eine ironische Parabel übers Rauchen - diesmal von normalen Zigaretten -, und «Little Miss Sunshine», welcher gekonnt Humor, persönliche Tragik und entlarvende Gesellschaftskritik verbindet. «Cannabis» beschränkt sich auf einige Seitenhiebe gegen eine verlogene Classe politique.
Die Drehbuchautoren sind mehr daran interessiert, eine lustige Geschichte zu erzählen - trotz aller Probleme, mit denen ihre Figuren zu kämpfen haben. Dabei bemühen sie etliche Zufälle, um die Story in die gewünschte Richtung zu lenken. Dafür sind ihnen einige originelle Gags eingefallen. Nach der Wahl von Christoph Blocher in die Landesregierung scheint es allerdings schwer zu glauben, dass die Schweiz einen solch biederen konservativen Bundesrat haben könnte. Er scheint der Zeit von «Mein Name ist Eugen» entsprungen. Mumentaler ist eben, wie andere Figuren in diesem Film, bloss eine Karikatur. Cannabis-Konsum harmlos?
Zu reden geben dürfte die scheinbare Botschaft, dass der verbotene Cannabis-Konsum eine harmlose Sache sei und einem nur gut tue. Der Gegensatz zur legalen Droge Alkohol wird mit einigen dezenten Anspielungen thematisiert. Die Reaktionen nach der Pressevorführung in Bern waren geteilt. Ist das jetzt eine gelungene Komödie oder nicht? Morgen Abend kann das Bieler Publikum selber entscheiden: an der grossen Vorpremiere im Kino Rex 1.
Info: Vorpremiere von «Cannabis» im Kino Rex 1 in Biel. Mittwoch 20.15 Uhr.
Seeländer dabei
Jean-Pierre Cornu, welcher in «Cannabis» den Fraktionschef spielt, ist in Biel geboren und in Twann aufgewachsen. Seine Eltern führten das Hotel Bären in Twann. Seit dem Jahr 2000 ist Cornu festes Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich. (Ro)











