Wildwest-Szenen am Hanfmeer
Im Seedorfer Weiler Frieswil wird auf vier Hektaren Hanf angebaut - laut Pächter für die Herstellung von Eistee. Am Wochenende haben bewaffnete Männer die Feldbewacher bedroht und bestohlen.
Der junge Mann lächelt freundlich, sagt aber nicht viel. Aus «Czech, Prague» sei er, «kein Deutsch, no French, no English» spreche er. «Marihuana, but not for smoking» würden er und seine Kollegen aus Osteuropa hier bewachen, mitten im Seedorfer 250-Seelen-Weiler Frieswil. Dann richtet sich sein Blick wieder auf die hunderten von erntereifen - und entsprechend süsslich duftenden Hanfstauden. Vier Hektaren gross ist das Marihuana-Meer von Frieswil. Es liegt unter der Wohnsiedlung Brünnmatt - und direkt auf dem Schulweg der Frieswiler Kinder, die im Nachbarörtchen Matzwil unterrichtet werden.
«100 Prozent legal»
Besitzer des Landes ist der Frieswiler Landwirt Hans Joder. Er hat das Feld verpachtet - einer Gruppe Hanfproduzenten, die das grüne Kraut laut eigenen Aussagen «100 Prozent legal» anbaut. Das Frieswiler Gras werde ausschliesslich für die Produktion von «C-Ice» verwendet, einem Eistee des Ostschweizer Getränkeherstellers Thurella mit Hanfblütensirup und 0,0015 Prozent Hanfblütenextrakt. Der Sprecher der Hanfproduzenten möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. «Nicht, weil ich etwas zu verheimlichen habe», sagt er, «sondern, weil ich um meine Gesundheit fürchte.» Vergangenes Wochenende haben sich in Frieswil offenbar «Szenen wie im Krieg» abgespielt. In der Nacht auf Freitag hätten acht Männer die drei Feldbewacher aus Osteuropa gefesselt und mit Pistolen bedroht, so der Hanfproduzent. Die «brutalen Typen» seien schliesslich mit 60 ausgerissenenen Hanfstauden geflüchtet. Am Samstag dann seien gar zwölf Bewaffnete («einer mit Beil») aufgetaucht und hätten versucht, Hanf zu stehlen. Dem «auf acht Leute aufgerüsteten» Wachdienst sei es schliesslich gelungen, die Diebe in die Flucht zu schlagen. Zwei Autonummern der Angreifer seien der Polizei gemeldet worden.
«Es gab Polizeieinsätze»
Olivier Cochet vom Mediendienst der Kantonspolizei Bern bestätigt, dass am vergangenen Wochenende «Einsätze vor Ort» stattgefunden haben. Ob die mutmasslichen Hanfdiebe aber wirklich derart brutal vorgegangen sind, wie es der Hanfproduzent und ein weiterer Zeuge gegenüber dieser Zeitung schildern, kann der Polizeisprecher nicht sagen. «Noch ist völlig unklar, was genau geschehen ist.» Fakt sei, dass die Polizei nun «in zwei Richtungen» ermittle: Einerseits verfolge man die mutmasslichen Marihuanadiebe. Andererseits werde analysiert, ob das Frieswiler Hanffeld wirklich legal sei. So lange Hanf für die Produktion von «sauberen» Produkten wie Öl, Textilien oder eben Eistee gewonnen wird, ist der Anbau in der Schweiz nicht strafbar. Illegal wird er, wenn einem Produzenten nachgewiesen werden kann, dass die von ihm angebauten Pflanzen später als Drogen verwendet werden. «Wir haben Mittel, das bereits in der Anbauphase zu beweisen», sagt Cochet.
«Keine Freude»
In Frieswil ist das Hanffeld nicht erst seit den Wildwest- Szenen vom Wochenende Gesprächsthema Nummer eins. «In der Nacht geht hier die Post ab», sagt ein Landwirt, der gerade mit dem Traktor am Feld vorbeifährt. «Dunkle Gestalten in dunklen BMWs» seien regelmässig hier zu Besuch. Die Verkäuferin im Dorfladen meint, dass «wohl kaum jemand Freude» am «stark duftenden» Feld habe. Und Seedorfs Gemeindepräsident Beatrice Simon (SVP) sagt: «Wir sind nicht glücklich mit der Situation. Weil der Hanf aber nicht auf einem von der Gemeinde verpachteten Grundstück angebaut wird, können wir nichts dagegen unternehmen.»Viel Gras im Dorf: Direkt unter der Wohnsiedlung Brünnmatt in Frieswil wächst auf vier Hektaren Land Hanf.
Fabian Sommer, Bieler Tagblatt










