Hanf-Beton: Schon bald in einem Haus in Ihrer Nähe?
++Cyberbtp: Wie seid Ihr auf das Hanf-Baumaterial gekommen?
Robin Renaud: Vor zehn Jahren beschlossen wir, aus den Vororten von Paris nach Morbihan in die Bretagne zu ziehen. Wir waren bestrebt, dort unser eigenes Haus zu bauen und verwendeten dazu Hanfmaterial, auf welches wir auf einer Bau-Ausstellung 1989 gestossen waren. Während wir dann unser Haus bauten, stiessen wir auf ein grosses Interesse bei Bekannten und Besuchern. Manche von ihnen haben uns gebeten, auch für sie ein solches Hanf-Haus zu bauen. Dabei muss ich rückblickend sagen, dass die Arbeit ziemlich widrig war. Die Durchführung war damals sehr archaisch, man musste die Chlor- und Hanfmischung in Holzkisten giessen; die verschiedenen Inhaltsstoffe der Mischung mussten genau dosiert und dabei Qualität, Feuchtigkeit, Temperatur, etc. berücksichtigt werden. Überdies haben wir damals alleine für das Material unserer 170m² grossen Wohnfläche rund 80.000 Francs investiert.
Wir waren zu dieser Zeit nicht wirklich imstande, effizient für andere bauen zu können. Mehr als einige gute Ratschlage konnten wir den Leuten nicht geben. Also gründeten wir eine Firma, um den Hanfblock in der Region professionell zu entwickeln und zu vermarkten. Dies alles finanzierten wir mit unserem Eigenkapital; auf den Rat der Wirtschaftskammer haben wir bei der ANVAR (Amt für Verbraucherschutz) und der Gemeinde um Unterstützung angefragt und erhielten von diesen einen Kredit für die Finanzierung der Patentrechte. Nach den ersten administrativen Abwicklungen nahm das Projekt dann Form an. Parallel versuchten wir, unser Produkt allseitig und speziell in der Branche bekannt zu machen. Die Rückmeldungen waren sehr positiv und wir beschlossen, mit unserem Produkt raschmöglichst in Produktion zu gehen. Dies ist der Hanfbetonblock, das Resultat unserer Entwicklung:
Anfangs bestand unser Rohmaterial aus „Abfällen“ der Schreibwarenindustrie, die uns in Form von Hanfstroh von der unweit Mans angesiedelten Firma PMD geliefert wurde. Dieses Hanfstroh benutzen wir als Ausgangsmaterial für unsere Hanfbetonblöcke. Nicht weniger als 40.000 Produkte werden heute von Hanf abgeleitet und es könnten noch viele weitere werden. Etliche Unternehmen sind daran, neue oder verlorengegangene Anwendungsgebiete für den Hanf entdecken. Zum Beispiel die Firma Bénéteau Jeanneau, die sich auf Hanf-Segelstoff für Boote spezialisiert hat. Zurück im Zusammenhang mit Hanf und Bauen: Neben unserem Hanfbeton-Produkt findet die Hanffaser auch bei der Isolierung von Dächern Anwendung; allerdings ist dies finanziell leider absolut nicht rentabel. Isoliermaterialien auf Basis von Hanf sind leider momentan noch Luxusware.
++Welches sind die Stärken und Schwächen Eures Produktes?
Sicherlich profitiert unser Produkt von der Sympathie, die HQE (= Gütesiegel für nachhaltige Produkte) in der Gesellschaft und den Medien geniesst. Unser Hanfbeton ist ein rein pflanzliches und mineralisches Produkt (Kalk- und Hanfmischung) und hat neben dem ökologischen Wert noch weitere Vorzüge: Eine Wand aus Easy-Chanvre hat ausgezeichnete Werte bei der Absorbierung akustischer Signale sowie bei der Isolierung von Wärme (im Winter) oder Kühle (im Sommer). Dadurch entstehen weniger Aufwände bei der Klimatisierung der Räume und das entlastet sowohl die Umwelt wie auch die Geldbörse. Ausserdem wird durch die Block- und Gerüstkonstruktion die Bildung von Feuchigkeit minimiert. Es ist zu betonen, dass unser Produkt absolut verträglich für die Umwelt ist, da man es in der Form von Dünger sogar recyclieren kann. Ausserdem unterliegt unser Produkt dem strengen 14-Punkte-System des HQE-Ökolabels im Bausektor. Als Schwachpunkt - allerdings nicht am Produkt selbst, sondern an der Situation - ist zu erwähnen, dass uns noch die Zertifizierung durch das CSTB (Wissenschaftliches und Technisches Zentrum für das Baugewerbe) fehlt. Das stellt für uns eine gewisse administrative Bremse dar, da es ohne Zertifikat nicht möglich ist, z. B. Bestellungen der öffentlichen Hand (Gemeinde, Staat) zu erhalten. Dabei bestünde ein enormes Potential, mit unserem Hanfbetonblock umweltverträgliche und günstige Sozialwohnungen zu bauen. Wenn man die Altersschäden bei den grossen Beton-Siedlungen analysiert, sieht man klar die Vorzüge unseres Produktes in Alternative zum Beton. Ein letzter Beweis für die Langlebigkeit des Hanfmaterials: Im alten Ägypten benutzte man ebenfalls bereits ein Hanf-Kalk-Gemisch beim Bau der Pyramiden.
++Wie sieht Eure Auftragslage aus?
Aktuell wurden wir von einem israelischen Unternehmen für ein Bauprojekt beauftragt, wir haben ausserdem eine laufende Bestellung eines Weinbauers, der einen Weinkeller auf Basis von Hanfbeton bauen lassen nöchte. Das Hotelgewerbe hat Interesse bekundet, weil unsere Bausubstanz wie erwähnt die Behaglikeit der Wohnräume anhebt. Auch die Skandinavier schlafen nicht in Sachen Hanfbeton. Grossunternehmen, ebenfalls HQE-Mitglieder, interessieren sich für die Möglichkeiten. Ein grosser potentieller Markt für uns sind sämtliche Immobilien - vom Bürogebäude bis zum Einkaufszentrum.
++Ihr wurdet am Salon Batimat 2005 prämiert; hat dies eine Wirkung gehabt?
In der Tat, wir - respektive unser Produkt - wurden an der Bau-Austellung „Salon Batimat“ 2005 prämiert. Das uns aussergewöhnliche Werbung und grosses Medieninteresse, auch aus dem Ausland, eingebracht. Obendrein haben wir drei Bestellungen erhalten. Für uns war das sicher sehr motivierend unser Herstellungsverfahren weiter zu entwickeln, welches durchaus noch einige Verbesserungen gebrauchen kann. Wir planen auch neue Anwendungen, z. B. ein Verbundsmaterial auf Basis von Hanffasern und einen Klebstoff mit dem Samen der Pflanze. Unser Produktionsvolumen ist erfreulicherweise wachsend, dafür stossen wir an die Grenze unserer Kapazitäten. Kurzum, wir sind Opfer unseres eigenen Erfolges... (schmunzelt)
++Wird „Hanf-Beton“ das Bauwesen und die Bauweisen verändern?
Auf jeden Fall. Der Hanfbeton ist genauso vielseitig verwendbar wie herkömmlicher Beton und auf jeden Fall konkurrenzfähig.
Im Vergleich zum klassischen Häuserbau bietet unser Produkt sogar Vorteile: Normalerweise muss ein Mauer zuerst Hohlblocksteine aufschichten, dann Isoliermaterial anbringen, Verputz auftragen und gegebenenfalls noch streichen. Bei den Hanfbetonblöcken genügt alleine ein Verputz! Ausserdem braucht der Maurer weder Betonmischer noch Kran anzumieten, denn der Hanfblock ist viel leichter als normaler Beton. Unser Produkt bietet durch die skelettartige Konstruktion auch konfortablen Platz für die Verlegung von Kabel und Rohren.
Grundsätzlich steigt die Sensiblität für unser nachhaltiges Produkt in der Branche und auch bei privaten Tüftlern. Wir arbeiten mit vielen Organisationen des Baugewerbes zusammen, damit der Hanfbetonblock und dessen Anwendung in die Berufsausbildung integriert werden. Wenn das Tempo anhält, wird unser Produkt vielleicht bereits seinen Markt erobert haben, bevor es zu einer Zertifizierung gekommen ist - das wäre der Gipfel (lacht).


